[IPK] Cyrano von Bergerac und die Geduld des Revolutionärs (Gespräch mit Rudolf Segall)

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Son Apr 30 11:26:12 CEST 2006


Cyrano von Bergerac und die Geduld des Revolutionärs
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Rudolf Segall (1911-2006) konnte als Zeitzeuge und Zeitgenosse auf den
größten Teil des letzten Jahrhunderts zurückblicken. Das folgende Interview
mit ihm führte Wolfgang Alles am 1. und 2. November 2001 sowie am 15. August
2002. Es hätte aus Anlass von Rudolf Segalls 95. Geburtstag am 6. April 2006
veröffentlicht werden sollen. Leider kam sein Tod am 19. März 2006 diesem
Plan zuvor. Wir mussten erneut die Gültigkeit des alten Satzes anerkennen,
der da lautet: "Es ist später, als Du denkst." Rudolf Segalls Erinnerungen
erhalten /post mortem/ eine ganz besondere Bedeutung.


Ein Gespräch mit Rudolf Segall



TEIL I

VON BERLIN NACH PALÄSTINA

Ich bin am 6. April 1911 in Berlin geboren. Mein Vater war ein jüdischer
Handelsvertreter und offensichtlich recht tüchtig, denn wir haben ein,
soweit ich das zurückverfolgen kann, relativ großzügiges Leben führen
können... Meine Großmutter mütterlicherseits ist kurz nach der Geburt meiner
Mutter [Clara Bernhard] gestorben. Mein Großvater ist mit meiner Mutter
daraufhin nach Amerika ausgewandert. Sie ist erst im Jahre 1910 wieder nach
Deutschland zurückgekommen. Noch im selben Jahr heiratete sie im Alter von
21 Jahren meinen Vater, der zu dieser Zeit 34 Jahre alt gewesen ist. Sie war
also dreizehn Jahre jünger. Das ist der gleiche Altersunterschied gewesen
wie zwischen mir und meiner späteren Frau Inge.

Ich bin in die Rubansche Vorschule gegangen, in der Uhlandstraße. Das war ab
dem Jahre 1917. Im Jahre 1920 bin ich in das Realreformgymnasium, die
Treitschke-Schule, gewechselt. Unter den Lehrern waren ausgesprochene
Reaktionäre. Ich erinnere mich vor allem an meinen Mathematiklehrer. Es gab
allerdings auch zumindest einen jugendbewegten Lehrer, der dort der jüngste
im Kollegium gewesen ist. Ich habe nach 1947, als ich wieder nach
Deutschland und auch nach Berlin zurückgekommen bin, einmal nach meinen
Lehrern gefragt.

Es hat offensichtlich keiner von ihnen den Krieg überlebt. Das Verhältnis zu
meinen Mitschülern war sehr kühl. Ich habe kaum irgendwelche Freunde gehabt.
Ein Schüler hat sich später näher mit mir angefreundet. Ich war der einzig
jüdische Schüler in dieser Klasse.

Das erklärt meine Isolation in einem gewissen Sinne. Ich habe den Eindruck,
dass meine Mitschüler alle aus der Mittelklasse gestammt haben. Das war noch
nicht die Zeit der Nationalsozialisten, aber es war eine Vorstufe in
gewissem Sinne, als sich schon relativ rechte Kreise bemerkbar machten.

Ich muss sagen, ich habe damals nicht unter Antisemitismus gelitten. Ich bin
im Jahre 1925, also mit 14 Jahren, in die "Kameraden" eingetreten, eine
deutsch-jüdische Jugendorganisation, die der Wandervogelbewegung nachgedacht
war und sich auch in gleichem Sinne betätigt hat. Recht breit war dort das
politische Wesen entwickelt, und ich kann nur sagen, dass ich damals
vielleicht zum ersten Mal auf ein sozialistisches Bewusstsein getroffen bin,
als auf den großen Treffen dort eine Gruppe sozialistische und
kommunistische Lieder gesungen hat. Nebenbei bemerkt war auch [der spätere
Linkssozialist] Fritz Lamm zu dieser Zeit ein aktives Mitglied bei den
"Kameraden" und sicher auch schon sehr auf der linken Seite.

Ja. Ich darf noch erwähnen, dass bei einem Heimabend nach dem bevorzugten
Autor gefragt worden ist, und ich zum Erstaunen der anderen Charles Dickens
genannt habe. Mich hat wohl an Charles Dickens schon damals die
Thematisierung der sozialen Frage, die Schilderung des Elends in London und
in England stark gefesselt.

Nein, ich habe im Westen Berlins gewohnt, also in den reicheren Vierteln, wo
es gar keine Berührung mit Elend und dergleichen gab. Es war wohl mehr ein
moralischer Nerv von mir getroffen worden.

Ich kann mich gut an eine Schultheateraufführung erinnern. Wir haben als
Gruppe für unsere Eltern "Cyrano von Bergerac" von [Edmond] Rostand
vorbereitet. Ich habe den Cyrano mit der großen Nase gespielt, und ein Vers
ist mir irgendwie eingegangen: "Kämpft man denn nur in Aussicht auf den
Sieg? Am schönsten ist ein aussichtsloser Krieg." Das war ein Vers, der mich
frappiert hat.

So ist es. Das war wirklich ein Leitmotiv. Ich möchte noch einmal
zurückgehen und bemerken, dass ich mich nur an einige Flugzeuge während des
Ersten Weltkrieges erinnern kann und an das Zurückkommen der Soldaten, der
Massen, die dann im Jahre 1918 in Berlin eingezogen sind.

Nein, aber ich weiß, dass ich einmal mit meinem Vater durch die Straßen
gegangen bin, und er mich wegen offensichtlich aufkommender Unruhen schnell
mit nach Hause genommen hat. Ich schätze, dass das der Kapp-Putsch [1920]
gewesen ist... In der Schule habe ich also dann 1929 das Abitur gemacht und
stand vor der Frage: Was tun? Ich war sehr beeinflusst durch die
Jugendbewegung und habe durch das viele Wandern ein großes Verhältnis zur
Natur gehabt. Ich habe mir also eingebildet, dass ich eventuell
Landwirtschaft studieren sollte, habe dann aber aus wahrscheinlich
praktischen Gründen überlegt, dass ich doch besser als Lehrer wirken sollte.

Wenn ich zurückblicke, eine etwas merkwürdige Entscheidung, denn ich bin
aufgrund meiner Erfahrungen, die ich später gemacht habe, überzeugt, dass
ich ein sehr schlechter Lehrer geworden wäre [lacht].

Aber ich habe angefangen, in Berlin die Fächer Deutsch, Geschichte und
Französisch zu studieren. Damals war noch nicht viel vom Auftreten der
Nationalsozialisten zu spüren. Ich bin nach relativ kurzer Zeit, vermutlich
noch im Jahre 1929 zur Fortsetzung meines Studiums nach Königsberg in
Ostpreußen gegangen. Das hatte folgende Bewandtnis: Es wurde bei den
"Kameraden", bei der Jugendbewegung gesagt, die Organisation liegt nieder in
Königsberg, wir brauchen unbedingt jemanden, der da hingeht. Ich habe mich
dazu irgendwie verpflichtet gefühlt.

Das war auch deswegen nicht ganz zufällig, weil meine Verwandten aus
Allenstein kamen und mein Vater aus Graudenz stammte. Trotz dieser relativ
östlichen Gegend Deutschlands haben sie immer voll Stolz betont, dass sie
eigentlich aus Spanien eingewandert waren und nicht aus Polen. Dieser
Gegensatz zwischen den aus Polen und den aus Spanien kommenden Juden hat in
Berlin eine große Rolle gespielt.

Ja, natürlich, denn die nach Polen eingewanderten Juden haben sozusagen
verhindert, dass sich die jüdischen Zusammenhänge dort aufgelöst haben. Sie
waren die einzigen, die noch bewusst am Judentum, an der Religion und der
kulturellen Tradition gehangen haben.

Ich selbst war völlig unbeeinflusst von der Religion. Ich habe das auch
einmal geschildert. Einer meiner christlichen Mitschüler hat mich gebeten,
ihn in eine Synagoge mitzunehmen. Ich habe die größten Schwierigkeiten
gehabt, eine Synagoge zu finden und dann auch noch zur richtigen Zeit dort
mit ihm hin zu gehen. Ich war vorher niemals in einer gewesen.

Ja, "deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens" haben wir uns genannt. Der
Glauben hat sich aber bei uns Juden sozusagen immer weiter verflüchtigt...

In Ostpreußen habe ich Verbindungen zu meinen Verwandten in Allenstein
aufgenommen. In Allenstein stellte die Seifenfabrik meines Onkels den
Mittelpunkt meiner Familie dar. Wir waren oft dort und haben Feiertage dort
verbracht.

In diese Zeit meines Studiums in Königsberg fällt meine Bekanntschaft mit
"Mein Leben" von Trotzki. Es ist damals [1930] gerade in Deutschland
erschienen. Ich habe es gelesen und ich glaube, es hat mich außerordentlich
beeinflusst. Mehr gedanklich, als dass ich nun praktisch versucht habe,
politisch aktiv zu werden. Ich kann nicht sagen, dass ich damals innerhalb
von Deutschland versucht habe, mit kommunistischen oder trotzkistischen
Gruppen in Verbindung zu kommen, aber ich kann sagen, dass das ein
außerordentlich starker Einschnitt gewesen ist.

Ja, es war eine brillante Erklärung des Geschehens natürlich innerhalb der
Sowjetunion, aber auch in Deutschland. Das waren alles Dinge, die ich zwar
von Ferne wahrgenommen hatte, womit ich mich aber nicht näher befasst hatte.

Ich war davon weniger betroffen. Ich habe mein Studium zunächst weiter
geführt. Ich weiß nur, dass ich nach einem Jahr in Königsberg wieder nach
Berlin zurückgekehrt bin. 1931 habe ich dann mein Studium in Berlin
abgebrochen, weil ich eine Aussichtslosigkeit gespürt habe, in diesem
Deutschland weiter studieren zu wollen. Ich kann es nicht genau beschreiben.
Ich kann nur sagen, dass ich in dieser Zeit mit dem Studium nicht sehr weit
fortgeschritten gewesen bin. Den Abbruch des Studiums habe ich als
Erleichterung empfunden.

Ja. Ich bin unmittelbar nach Abbruch des Studiums zu meinem Vater ins
Geschäft in Berlin gegangen. Er legte allerdings Wert darauf, dass ich erst
eine Art Ausbildung an verschiedenen Orten erhalte. Die erste Station war im
Kaufhaus des Westens, wo ich ein halbes Jahr geblieben bin. Mein Vater hatte
so gute Beziehungen, dass ich überall mit Leichtigkeit hinkommen konnte.
Dann war ich einige Zeit in einer großen Fabrik in Chemnitz, danach im
Erzgebirge, wo Handschuhe und Strümpfe hergestellt wurden. Ich war auch in
Lübben im Spreewald. Ich bin also jedes viertel oder halbe Jahr von Fabrik
zu Fabrik gegangen und erst kurz vor 1933 wieder bei meinem Vater im
Geschäft gelandet.

Ich habe in dieser Zeit nicht direkt eine politische Betätigung gehabt,
sicher Diskussionen, aber es war noch alles irgendwie im Umbruch. Ich habe
mich noch mehr auf die berufliche Perspektive konzentriert, und ich habe
dann bei meinem Vater angefangen zu arbeiten.

Aber durch Bekannte und Freunde habe ich eine neue Gruppe kennen gelernt und
zwar die Gruppe um die Zeitschrift /gegner/. Das war die Gruppe von Harro
Schulze-Boysen, die in Berlin gearbeitet hat. Ich muss sagen, dass ich sogar
mit Harro Schulze-Boysen recht befreundet gewesen bin. Das war 1932, in der
Endphase der Weimarer Republik. Harro Schulze-Boysen kam aus einem politisch
sehr rechten Milieu -- ich habe seine Briefe erst vor kurzem gelesen -- und
er hat sich von der äußersten Rechten herkommend mit der äußersten
kommunistischen Linken verbündet, die damals in Opposition gewesen ist. Das
war eine Gruppe, die politisch sicher in einem gewissen Sinne verwirrt, aber
gleichzeitig sehr lebhaft und sehr interessant gewesen ist. Ich habe dort
auch einen Philosophen namens [Adrien] Turel getroffen, der von seinem
Schweizer Exil aus Schulze-Boysen öfters besucht hat. Ich kann mich noch gut
erinnern, dass wir -- es muss im Januar 1933 gewesen sein -- ein quasi
illegales Treffen mit Turel und Schulze-Boysen in irgendeiner Spelunke im
Osten Berlins gehabt haben.

Nach der Machtübergabe an die Nazis am 30. Januar 1933, stand ich vor
Trümmern, denn ich spürte, dass es für Juden unmöglich wurde, in Deutschland
weiterzuleben oder zu überleben. Ich weiß nicht, warum das so schnell ging,
aber es war für mich klar, dass es für mich nur eine Lösung außerhalb
Deutschlands geben konnte.

Ja, aber ich habe den Faschismus vor allem politisch gesehen und die ersten
Einwirkungen der Nationalsozialisten registriert. Ich habe mich an einen
Freund gewandt, der auch eine Gruppe bei den "Kameraden" geleitet hat. Er
war wesentlich älter als ich und hatte übrigens auch eine frühe zionistische
Vergangenheit. Der sagte mir: "Die Sache ist ganz einfach, ich gehe nach
Palästina." Und ich fragte: "Gut, und wie macht man das?" Er erwiderte: "Du
gehst in eine Jugendbewegung. Die beste ist der Hashomer Hazair [Der junge
Wächter], und da wird sich schon alles weitere in dieser Jugendbewegung
ergeben."

Ich bin dann schon sehr schnell im Frühjahr 1933 in den Hashomer Hazair
eingetreten. Das war an sich eine merkwürdige Sache. Mich suchte ein
Mitglied dieser Gruppe auf, nachdem ich dort meine Adresse abgegeben hatte,
und sagte, dass sie auch auf marxistischer Grundlage arbeiteten. Da habe ich
abgewinkt und gesagt, dass ich mit Marx nichts am Hut hätte. Er antwortete:
"Das macht nichts. Komm ruhig!" Ich muss hier etwas lächeln, weil ich ihn
auch im Kibbuz und den Marxismus in der Praxis in Palästina erlebt habe. Ich
war also in Berlin noch während der Nazizeit ein Jahr lang in dieser Gruppe.

Nein, denn die zionistischen Gruppen haben sich [bis 1937] einer sehr
"wohlwollenden Unterstützung" durch die Nationalsozialisten erfreut, weil
sie diejenigen waren, die die Juden aus Deutschland herausgebracht haben.
Die Nazis haben das zunächst durchaus als positiv angesehen. Hier war eine
organisierte Bewegung, die die Ausreise nach Palästina förderte. Die Nazis
haben offenbar damals nicht sehr intensiv nach den Hintergründen dieser
Gruppen geforscht. Wenn sie es dennoch getan haben, hat sie es
offensichtlich noch nicht so sehr gestört, denn der Marxismus war nur
innerhalb unserer Gruppe ein Thema. Ich weiß, dass einer, der auch mein
Freund geworden ist -- Martin Monat -- am 1. Mai 1933 während einer großen
Veranstaltung in unserem Heim im Osten Berlins eine tolle Rede über die
Bedeutung von Marx in der Bewegung gehalten hat. Und ich weiß noch genau,
dass wir im dritten oder vierten Stock waren und eine Schnur mit einer daran
befestigten Glocke installiert hatten. Unten am Hauseingang stand ein
Wachposten, und wenn ein Nazi-Überfall durchgeführt worden wäre, hätten wir
das Thema gewechselt...

Trotzkis Schriften habe ich damals nicht gelesen, aber die Kommunisten haben
in dieser Zeit Plakate verklebt mit der Aufschrift "Hitler heißt Krieg". Das
hat mich offensichtlich schon beeinflusst, denn ich kann mich gut daran
erinnern. Jedenfalls war ich von vorneherein überzeugt: Ich muss heraus aus
Deutschland. Ich war vollkommen von der Gefahr überzeugt. Ich bin ein Jahr
mit dieser Gruppe noch in Berlin geblieben und dann im Frühjahr 1934 mit
zehn bis fünfzehn Leuten, darunter auch meinem Freund Martin Monat, nach
Dänemark zur landwirtschaftlichen Ausbildung gegangen...

Ja, genau. Ich muss sagen, das war kolossal anstrengend. Wir waren auf die
Höfe von Bauern verteilt, die uns ganz gut ausgenützt haben. Wir haben fast
nichts für unsere Arbeit bekommen. Der wenige Lohn ging in die Gruppenkasse.
Aber wir haben dort das landwirtschaftliche Arbeiten gut gelernt, und wir
haben auch eine sehr intensive Zusammenarbeit in unserer Gruppe gehabt. Ein
bis zwei Mal haben wir uns in der Woche abends getroffen. Die Bauern waren
immer sehr misstrauisch. Wir haben gesagt, dass wir Hebräisch lernen würden.
Aber es waren 50 Prozent Mädchen dabei, und sie haben uns die Geschichte mit
dem Hebräisch lernen nie abgenommen. Wir haben also Gruppenabende
durchgeführt, uns sehr intensiv politisch geschult und auf Palästina
vorbereitet. Da Martin Monat ein hervorragender Marxist gewesen ist, war er
sozusagen unser Schulungsleiter. Er war übrigens drei Jahre jünger als ich,
aber älter als die anderen. Er und sein Freund Paul Ehrlich müssen zuvor
gute Verbindungen mit den Kommunisten gehabt haben. Ich war bereits in
Palästina als ich in ihre Gruppe eingetreten bin... Diese Hachschara
[Vorbereitung], wie man das genannt hat, sollte mit der großen Aufführung
eines Theaterstücks in Kopenhagen enden. Martin Monat hatte es selbst
geschrieben, er war auch ein hervorragender Mathematiker und Schachspieler.
Er war in meinen Augen ein Genie und auch von anderen anerkannt. Wir haben
also sehr kräftig dieses Theaterstück vorbereitet. Es ist aber doch zu
keiner Aufführung gekommen...

Wir sind danach einzeln nach Deutschland zurückgefahren. Ich bin jedoch
erkrankt, und bei mir ist Bella geblieben, mit der ich mittlerweile
verheiratet war. Wir hatten uns im Hashomer Hazair in Berlin kennen gelernt,
sind zusammen nach Dänemark gegangen und haben dort 1934 geheiratet. Ich kam
also wegen der Erkrankung erst zwei oder drei Wochen später nach Berlin --
zum Entsetzen der anderen, weil sie eine Warnung geschickt hatten, dass die
Nationalsozialisten zu dieser Zeit alle Rückkehrer aus dem Ausland verhaften
würden. Als ich mit Bella zurückgekommen bin, hat sich das so abgespielt,
dass ich innerhalb von drei Tagen wieder aus Deutschland ausgereist bin und
zwar nach Italien. Das war möglich. Ich konnte über die Schweiz reisen und
habe dort die Pinkus-Buchhandlung besucht, wo ich Bücher gekauft habe, die
für Italien nicht das Geeignete gewesen sind. Ich habe zum Beispiel die
Werke von Mehring gekauft. Aber in Italien unter Mussolini war die ganze
Sache in dieser Beziehung recht harmlos...

Wir hätten in Triest auf die Abreise warten sollen, da aber die Einreise
nach Palästina von den Engländern außerordentlich restriktiv behandelt
wurde, hatten wir noch kein Einwanderungszertifikat. Es war so, dass auf ein
Zertifikat entweder ein Mann allein oder er gemeinsam mit seiner Frau
einreisen durfte. So wurde dafür gesorgt, dass immer verheiratete Paare nach
Palästina gingen und dass viele heirateten, die überhaupt nichts persönlich
miteinander zu tun hatten. Bei uns hat das jedoch gut gepasst. Wir sind dann
also noch fünf oder sechs Wochen in Italien gewesen und konnten dank der
Mittel meiner Eltern eine große Reise durch Italien machen. Wir sind bis
nach Rom gekommen und wieder zurück. Ich habe also sehr viel von Italien
gesehen...

In Triest haben wir dann relativ bescheiden gelebt. Ich weiß, dass wir in
der "Volksküche" gegessen haben, na ja. Das war ein fürchterlicher Fraß und
das Fleisch war so hart... Diejenigen, die dort Essen mussten, waren oft
Juden, die auf ihre Abreise warteten. Sie haben auch diesen Fraß gehasst,
und eines Tages sind zwei oder drei aufgestanden und haben ihre Bänke
umgeworfen. Es waren Holzbänke, die auf einem Steinboden standen. Es hat
einen fürchterlichen Krach gegeben. Das Küchenpersonal hat sich auf die
Leute gestürzt und hat gefragt, was los ist. Und sie antworteten, uns ist
das Fleisch auf den Boden gefallen [lacht]. Das war Triest.

Von Triest aus sind wir im Juni 1935 nach Palästina gefahren, mit einem Halt
in Zypern. Wir sind dann an der Reede von Haifa angekommen, wo wir per Boot
an Land übersetzen mussten, denn es gab keinen Hafen, in den die Schiffe
einlaufen konnten. Wir haben danach noch einige Zeit bei den Eltern von
Bella gewohnt. Schließlich sind wir wie alle Mitglieder des Hashomer Hazair
in einen Kibbuz gegangen, der in der Nähe von Karkur gegründet worden war.
Die Mitglieder des Kibbuz waren sehr empört darüber, dass wir noch einige
Tage in Haifa geblieben sind. Ihre bezeichnende Grundhaltung war: Wenn man
in das Land kommt, dann muss man umgehend in den Kibbuz gehen und anfangen
zu arbeiten...

Ja, ja. Unser Kibbuz Bamifne [Am Wendepunkt] -- heute heißt er Kibbuz Dalia
-- war kein Kibbuz der bereits fest angesiedelt war, sondern er war ein
Lager zur Vorbereitung des Kibbuz. Die Mitglieder des Kibbuz gingen auf
Außenarbeit in die umliegenden Orangenplantagen, die dort reichlich
vorhanden waren. Die jüdischen Eigentümer hatte man dazu bewegt, jüdische
Arbeiter zu beschäftigen, obwohl sie wahrscheinlich lieber arabische
genommen hätten. Aber darauf wurde genau geachtet...

Nein, das war schon von vorneherein ein absolut scharfer Gegensatz. Er
äußerte sich zum Beispiel darin -- wie es im Jahre 1935 gewesen ist, das
kann ich nicht genau sagen -- aber ab 1936 [bis 1939] haben die Araber ihren
Aufstand gegen die Engländer durchgeführt und gegen den Zionismus, gegen die
Einwanderung gekämpft. Es gab also schon zu dieser Zeit eine sehr starke
Gegnerschaft. Es gab Überfälle. Nicht weit von uns war der Kibbuz En
Schemer, wo eines Nachts zwei Mitglieder von Arabern erschossen wurden.


Ab dem Jahre 1936 sind wir nur noch mit bewaffneten Kräften zur Arbeit
gegangen oder haben selbst Waffen bei uns getragen. Wir haben das Lager mit
ausgebauten Stellungen umgeben, die ungefähr 50 bis 100 Meter entfernt waren
von den Schlafräumen, und da hat jeder von uns dann nach der Arbeit ungefähr
zwei bis drei Stunden Wache geschoben. Wir haben eine Handgranate in der
einen Hand gehalten, das Gewehr daneben stehen gehabt und haben so auf
mögliche Überfälle gewartet.


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Aufgezeichnet und bearbeitet von Wolfgang Alles
Teil II des Interviews bringen wir in der nächsten Ausgabe der Inprekorr.

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Aus:   Inprekorr Nr. 414/415   (Internationale Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
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