[IPK] Karikaturen: Offener Brief der Enhedslisten an den dän. Ministerpräsidenten (bearbeitete Version)

Inprekorr inprekorr at comlink.org
Mit Feb 22 00:25:06 CET 2006


Karikaturenstreit:

Offener Brief an den Ministerpräsidenten:

Die Lösung liegt in Dänemark
-------------------------------------------------------------------

Kopenhagen, 30. Januar 2006

Lieber Ministerpräsident,

es gibt guten Grund, über den Zorn, den viele Musliminnen und Muslime
gegenüber Dänemark zeigen, beunruhigt zu sein, und wir meinen, dass es
notwenig ist, einige Initiativen zu ergreifen, die darüber hinausgehen,
nur die dänische Politik über diplomatische Kontakte zu erklären.

Wir sind völlig einig in der Kritik, dass Sie in dieser Sache nicht
genug unternommen haben. Sie hätten sich klar zu den Zeichnungen der
/Jyllands-Posten/ äußern können. Die Zeitung hat selbstverständlich das
Recht, ihre Meinungsfreiheit auszuüben, aber genauso klar haben Sie und
andere das Recht, zu den Zeichnungen eine eigene Meinung zu äußern. Und
es wäre auch sehr nützlich gewesen, wenn Sie klar Respekt für die
muslimische Kultur signalisiert und deren Recht auf die eigene Religion
anerkannt hätten -- und dass Sie Musliminnen und Muslime als Teil der
dänischen Bevölkerung wie alle anderen Teile der Bevölkerung auch
respektieren. Und wenn Sie anerkannt hätten, dass Ihnen klar ist, dass
es in der dänischen Debatte viele Beispiele der Herabwürdigung von
Muslimen gibt.

Die Realität ist, dass sich viele Musliminnen und Muslime in Dänemark
und draußen in der Welt gekränkt fühlen, und in dem Zusammenhang sind
die Zeichnungen der /Jyllands-Posten/ nicht die einzige Ursache. In
Dänemark hat sich ein ganz schlimmes Diskussionsklima entwickelt,
angeführt von der Dänischen Volkspartei. Die Politik der Regierung mit
ihren ewigen Verschärfungen der Ausländerpolitik unterstreicht, dass
viele sich zu Recht getreten fühlen. Aus diesem Grund hat Dänemark im
Ausland den Ruf eines Landes, das Fremden gegenüber intolerant und
feindlich eingestellt ist. Doch an dieser Situation kann die Regierung
etwas ändern. Die Regierung kann ein klares Zeichen geben, dass die
Entwicklung der letzten Jahre in Dänemark umgedreht werden soll und dass
die Regierung aktiv Tendenzen entgegenwirken will, die in Dänemark Teile
der Bevölkerung und bestimmte Religionen dämonisieren.

Wir fordern Sie auf, eine Versöhnungskonferenz einzuberufen, auf der die
Ursachen behandelt werden, warum sich viele Musliminnen und Muslime
aufgrund ihrer Religion gekränkt und herabgewürdigt fühlen. Wir meinen,
dass Sie deutlich machen müssen, dass sie die Ursachen dafür beleuchten
wollen, warum es soweit gekommen ist. Und dass sie bereit sind, eine
Änderung der Regierungspolitik in Betracht zu ziehen, um zu vermeiden,
dass die Widersprüche nur immer weiter wachsen und wachsen.

Wir fordern Sie auf, einen breiten Querschnitt der muslimischen
Bevölkerung und Vertreter anderer Minderheiten, auch nicht-religiöse
Gruppen, sowie Regierung und Folketing-Parteien einzuladen, um die
Situation zu erörtern und zu diskutieren, was getan werden kann.

Eine solche Initiative wäre ein gutes Signal an die muslimische
Bevölkerung, die sich gekränkt fühlt. Wir sind überzeugt, dass dies eine
höhere Durchschlagskraft habe wird als 100 Gespräche mit Diplomaten aus
Ländern, deren Regierungen in vielen Fällen kaum die eigene Bevölkerung
repräsentieren. Über einen Beitrag zur Lösung der aktuellen Krise hinaus
kann eine solche Konferenz auch mit dazu beitragen, eine Entwicklung in
Dänemark zu verhindern, die irgendwann zum Ausbruch von Krawallen führen
kann, wie wir sie in Paris erlebt haben.

Wir sind natürlich bereit, unseren Vorschlag weiter zu vertiefen.

Mit freundlichem Gruß

Für die Folketingsgruppe der Enhedslisten

Frank Aaen


-----
Aus: http:// www.enhedslisten.dk/nyhed.asp?nyhed=9336


Übers.: Björn Mertens

Enhedslisten[http://inprekorr.de/http://www.enhedslisten.dk/nyhed.asp?ny
hed=7582] (Einheitsliste) ist ein Zusammenschluss dreier
linkssozialistischer Parteien in Dänemark. Mit 3,4% bei den letzten
Wahlen stellt sie sechs Abgeordnete im Folketing (Parlament).

-------------------------------------------------------------------
Aus der Online-Ausgabe von Inprekorr (Internat.Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
E-Mail:                                       inprekorr at comlink.org
Bestellungen:     Verlag Neuer Kurs, Dasselstr. 75-77, D-50674 Köln
Doppelheft:  4 EUR;      Schnupperabo: Ein Vierteljahr für 5 EUR
Jahresabo:            20 EUR (Inland), 12 EUR (ermäßigt), E-Abo 50%
Artikel im CL-Datennetz:                        cl.medien.inprekorr
Artikel im Internet:                            http://inprekorr.de
-------------------------------------------------------------------