[IPK] USA: Gewerkschaftsbund gespalten

Inprekorr inprekorr at comlink.org
Sam Feb 25 01:22:47 CET 2006


USA:

Gewerkschaftsbund gespalten
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Der Weg zum diesjährigen dramatischen AFL-CIO-Gewerkschaftstag in
Chicago führte einen umgebauten Marinekai entlang und hinter einem
Spiegelpalast vorbei, einem massiven Irrgarten aus Spiegeln. Angesichts
der Menschen, die völlig verwirrt darin herumirrten, fiel es schwer,
nicht an das chaotische Durcheinander zu denken, das sich wenige hundert
Meter entfernt entwickelte.


Von Chris Kutalik


Die Folgen des Austritts der drei größten Migliedsgewerkschaften des
AFL-CIO -- der Dienstleistungsgewerkschaft SEIU, der
Transportgewerkschaft (Teamsters) und der Nahrungs- und
Handelsgewerkschaft UFCW -- müssen immer noch verarbeitet werden. Die
neue CTW (Change to Win Coalition -- Bündnis durch Wandel zum Sieg) und
der AFL-CIO sind weiter damit beschäftigt, auf die Initiativen und
Gegeninitiativen der jeweils anderen Seite zu reagieren.

Klar ist, dass das Drama der Spaltung mehr Aufmerksamkeit und
Diskussionen über die Tiefe der Krise der US-amerikanischen
Gewerkschaften ausgelöst hat als die so genannte "Große Debatte" über
Strategien und Strukturen im letzten Jahr. Die Reaktionen bei den
Aktiven und an der Basis reichen von Besorgnis oder Zorn wegen der
Gefahren der Spaltung über die Hoffnung, dass die abgehobene
Gewerkschaftsführung am Ende doch noch aufgerüttelt wird, bis hin zu
Schulterzucken.

Aktive Gewerkschafter berichten, dass viel über die Spaltung geredet
wird, sogar unter Mitgliedern, die sich sonst gar nicht für
Gewerkschaftsangelegenheiten interessieren. Dazu Dan Campbell,
Delegierter der Teamster-Ortsgruppe in Milwaukee und Mitglied der
"Teamsters for a Democratic Union" (Transportgewerkschafter für eine
demokratische Gewerkschaft -- TDU): "Die Spaltung hat zu mehr Gesprächen
über Fragen der Arbeiterbewegung als je zuvor in der jüngeren
Vergangenheit geführt. Die CTW hat sicher die richtigen Fragen
aufgeworfen. Ich bin nur nicht sicher, ob das [die Spaltung] die
richtige Antwort war."


DURCHSCHÜTTELN

Obwohl der SEIU-Vorsitzende Andy Stern die Abspaltung von einem
Gewerkschaftsbund, den er als "blass, männlich und altbacken" beschrieb,
verteidigte, waren viele Mitglieder und Beobachter verwirrt darüber,
worin denn nun die Differenzen zwischen den beiden Lagern bestehen. Die
neu beschlossenen Programme über Fusionen, Führungsvielfalt, politische
Mobilisierungen und branchenweite Verhandlungs- und
Mobilisierungsstrategien klingen von beiden Seiten praktisch gleich.

Bob McNattin, Transportbetonfahrer in Minnesota und Mitglied des
Teamster-Ortsvereins 615, verweist auf die Ironie, dass ausgerechnet die
[konservativen -- d.Üb.] Teamsters als Triebkraft des Wandels der
Arbeiterbewegung wirken. Er vergleicht die Aktionen der CTW mit dem Grad
an Dissens und Transparenz, das Reformgruppen wie die TDU (Teamster für
eine demokratische Gewerkschaft) von ihren Gewerkschaften erzwingen:
"Sie machen, was wir auch immer machen, sie machen denen Feuer unterm
Hintern", sagt McNattin. "Für uns in der TDU wird das ein interessantes
Jahr werden. Da haben sie [die Teamster-Führung] uns immer als
?Dissidenten' und ?Spalter' abgestempelt. Wie werden sie uns jetzt
nennen wollen?"

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AFL-CIO

American Federation of Labor -- Congress of Industrial Organizations
Dachverband für 53 Einzelgewerkschaften mit 9 Mio. Mitgliedern (von 16
Mio. Gewerkschaftern insgesamt)
1955 aus dem Zusammenschluss von AFL und CIO entstanden
http://www.aflcio.org/

AFSCME

American Federation of State, County and Municipal Employees
"Größte und am schnellsten wachsende Gewerkschaft des öffentlichen
Dienstes" mit 1,4 Mio. Mitgliedern in 46 US-Bundesstaaten
http://www.afscme.org/

UDW

United Domestic Workers of America,
Organisiert 750.000 Hausangestellte und Beschäftigte in der Hauspflege;
eng verbunden mit der AFSCME
http://www.udwa.org/

UAW

United Automobile, Aerospace and Agricultural Implement Workers of
America (UAW)
Organisiert 600.000 Mitglieder (und 500.000 Rentner) in der Automobil-
und Luftfahrtindustrie sowie "praktisch jedem Wirtschaftszweig"
http://www.uaw.org/
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Führer beider Seiten bemühen sich, als Stimme für Wandel und Reform
wahrgenommen zu werden. Bei seiner Bewerbungsrede für seine
(unangefochtene) Nominierung als AFL-CIO-Schatzmeister erinnerte Richard
Trumka an seine alten Verbindungen zur Gruppe der "Bergarbeiter für
Demokratie" und ihren ermordeten Führer Jock Yablonksi, der, wie er
sagte, "im Kampf für ... eine demokratischere Gewerkschaft gestorben
ist".

Aber es bleibt fraglich, ob diesen Worten Taten folgen werden. Werden
Gewerkschaftsführer für Bemühungen örtlicher Mitglieder offen sein, ihre
Gewerkschaften zu demokratisieren und wieder zu beleben? Werden neue
Programme genug Macht und Durchschlagskraft aufbauen, um Zugeständnisse
erkämpfen zu können? Und wie ernst ist es Gewerkschaftsführern damit,
Tempo und Ausmaß der Änderungen zu steigern?


PARTNERSCHAFT

Jüngste Äußerungen von Führern von CTW und AFL-CIO verstärkten die
Verwirrung noch, indem sie betonten, dass sowohl die aggressive
Gewinnung neuer Mitglieder als auch eine stärkere Zusammenarbeit
zwischen Gewerkschaften und Unternehmern erforderlich seien. In einem
CNBC-Interview nach der Spaltung betonte Stern, dass "wir eine neue,
dynamische, moderne, flexible und innovative Arbeiterbewegung aufbauen
müssen, die guter Partner unserer Arbeitgeber ist, und letzte Woche [die
Spaltung] war der Startschuss."

Angesprochen auf die Spaltung zwischen CTW und AFL-CIO antwortete Stern:
"Unsere Arbeiterbewegung wurde in der Industriewirtschaft der 30-er
Jahre aufgebaut. Es waren gewissermaßen Gewerkschaft des Klassenkampfs,
aber die Beschäftigten in der heutigen Wirtschaft wollen keine
Gewerkschaften, die Probleme verursachen, sie wollen, dass ihre Probleme
gelöst werden."

AFL-CIO-Organisationsleiter Stewart Acuff eierte im selben Interview
herum. Während er die CTW für ihre kooperativere Haltung zu den
Republikanern kritisierte, lobte er zugleich die Zusammenarbeit zwischen
Gewerkschaften und Management bei den Southwest Airlines als Beispiel
für ein friedlicheres Verhältnis zwischen Gewerkschaften und
Unternehmern. Acuff zufolge haben die Probleme im Luftverkehr (der
derzeit vom Streit darüber erschüttert wird, wie man statt immer neuer
Zugeständnisse einen wirksamen Kampf führen kann) "mehr mit den
Treibstoffkosten als mit dem Verhältnis zwischen Arbeitgebern und
Arbeitnehmern" zu tun.


EIN PROGRAMM -- ZWEI GEWERKSCHAFTSBÜNDE

Wochen zuvor hatte der AFL-CIO Exekutivrat Anträge vorgestellt, die den
Kernprinzipien der CTW ähnlich sind -- in einem letzten Versuch, die
Spaltung abzuwenden. Viele davon wurden von der Versammlung mit
kleineren Änderungen angenommen, trotz Abwesenheit vieler Delegierter
der CTW-Gewerkschaften.

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CTW

Change to Win Federation
Dachverband von 7 Einzelgewerkschaften mit 5,4 Mio. Mitgliedern,
darunter SEIU, IBT, UFCW
http://www.changetowin.org/

SEIU

Service Employees International Union 
Organisiert 1,8 Mio. Beschäftigte des Gesundheitswesens, der Hauspflege,
des öffentlichen Dienstes und von Reinigungs- und Sicherheitsunternehmen
in den USA, Kanada und Puerto Rico
http://www.seiu.org/

UFCW

United Food and Commercial Workers International Union
1,4 Mio. Mitglieder in den USA und Kanada in Bereichen wie Einzelhandel,
Nahrungsmittel, Pflege, Textilindustrie, Versicherungen -- nennt sich
selbst "die Nachbarschaftsgewerkschaft" und "stärkste Gewerkschaft im
privaten Sektor"
http://www.ufcw.org/

IBT

International Brotherhood of Teamsters
Organisieren 1,4 Mio. Mitglieder in den USA und Kanada im
Transportsektor (200.000 bei UPS) und "in jedem anderen vorstellbaren
Beruf" (Selbstdarstellung)
1903 gegründet als Zusammenschluss zweier Organisationen von
Gespannfahrern (team driver)
http://www.teamster.org/

TDU

Teamsters for a Democratic Union
Basisorganisation zur Reformierung der Teamsters (gegründet 1980)
http://www.tdu.org/
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CTW-Sprecher betonen weiterhin die Differenzen und behaupten, die neuen
Beschlüsse seien nur Lippenbekenntnisse oder "zu wenig zu spät". Ein
örtlicher SEIU-Funktionär drückte es etwas offener aus: "Es war, als
würden sie [die CTW] die Zielfahne jedes Mal verrücken, wenn man [der
AFL-CIO] ihr nahe kam."

Ein Beschluss sieht die Bildung neuer Gremien vor, der
Branchenkoordinationsausschüsse (Industry Coordinating Committees --
ICC), die dem Mangel von Koordination und Einheit zwischen den
Gewerkschaften in bestimmten Branchen (oder bei einem großen Unternehmen
oder in einem Beruf) abhelfen sollen. Diese Ausschüsse werden die
Aufgabe haben, gemeinsame Verhandlungs- und Organisationsstrategien quer
zu den vielen Gewerkschaften in einer Branche zu entwickeln -- angeblich
unabhängig von den nationalen Dachverbänden. Nach diesem Plan sollen
Gewerkschaften, die andere Gewerkschaften einer Branche mit
"untertariflichen Verträgen" unterbieten, bestraft werden.

Stern nannte den Absturz im hochorganisierten Luftverkehr als
Hauptbeispiel für das Fehlen einer strategisch orientierten
Arbeiterbewegung. Für ihn ist die Spaltung der Branche in Berufe und
deren nochmalige Aufsplitterung in Dutzende Gewerkschaften ohne
koordinierte Strategie gegenüber den Unternehmern ein Hauptfaktor für
die Zugeständnisse der Gewerkschaften im Werte von vielen hundert
Millionen Dollar seit 2001.

Auch Joe Uehlein, früherer Angehöriger des AFL-CIO-Strategieausschusses
(Strategic Approaches Committee), meint, dass der Verlust der
Branchenorientierung ein Faktor für den Niedergang der Macht der
Arbeiterbewegung ist. Für Uehlein sind die ICC eine "ernsthafte
Initiative".

Andere Eckpfeiler, die (scherzhaft gesagt) aus dem CTW-Drehbuch gezogen
wurden, waren Resolutionen und Ergänzungsanträge für branchenweite
Strategien, strategische freiwillige Gewerkschaftszusammenschlüsse,
gemeinsame Organisierungsinitiativen und ein neues politisches Programm.
Ein politisches Programm, das sich vom bisherigen zweijährlichen [1]
"Heraus an die Urnen" mit Unterstützung bestimmter Kandidaten (meist der
Demokraten) zu einer ganzjährigen Mobilisierung um Gesetzgebungsfragen
wandelt.


SPANNUNGEN

Viele Funktionäre und Basisaktivisten befürchten, dass die Spaltung auch
die regionalen Gewerkschaftskoordinationen (Central Labor Councils --
CLC), Dachverbände auf Bundesstaatsebene und andere örtliche und
regionale Körperschaften lahm legen könnten. Während einige
bundesstaatliche Dachverbände und CLCs kaum mehr tun, als Gewerkschafter
für politische Kampagnen zu mobilisieren, sind einige Aktivisten
besorgt, dass die Spaltung die koordinierende Rolle, die diese Gremien
bei örtlichen Streiks und Kampagnen zur Verteidigung von Arbeitsplätzen
spielen können, untergraben könnte.

------------ KASTEN -----------------------------------------------

Siehe auch: Hintergründe der
Spaltung[http://inprekorr.de/410-usa-bg.htm]----------------------------
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SEIU, Teamsters und UFCW versuchten nach der Spaltung in diesen
örtlichen Gremien zu bleiben, nur damit das AFL-CIO-Exekutivkomitee den
CLCs und bundesstaatlichen Zusammenschlüssen verbot, die Mitarbeit
ausgetretener Gewerkschaften zu erlauben.

Dieses Verbot sträubte vielen örtlichen Funktionären die Nackenhaare.
Einige Delegierte des Gewerkschaftstags erklärten, dass sie das Verbot
ignorieren und Gremien bilden würden, die die volle Beteiligung aller
örtlichen Gewerkschaften unabhängig von ihrer Dachverbandsmitgliedschaft
erlauben würden.

Anfang August kehrte das AFL-CIO-Exekutvkomitee seinen Beschluss ins
Gegenteil um. Nun erlaubte es den jetzt unabhängigen örtlichen
Gewerkschaften die Beteiligung an CLCs, die spezielle
"Solidaritätsstatuten" verkünden sollten. Eine der Bedingungen dieses
Vorschlags war, dass die wiedervereinigten Gewerkschaften versprechen
sollten, auch für den Wiedereintritt ihrer nationalen Gremien in den
AFL-CIO zu arbeiten. Die löste eine scharfe Antwort der CTW-Vorsitzenden
Anna Burger aus, die feststellte, dass der Vorschlag "Rhetorik der
Einheit verwendet, aber dazu bestimmt ist, eine unnötige Spaltung zu
provozieren".

Seit dieser Zurückweisung richte sich der Zorn vieler CLC-Führer nun
wieder auf die CTW. Jeff Crosby, Vorsitzender des Zentralausschusses
Nordküste in Massachusetts, sagte, dass "Burgers Tonfall ein Schlag ins
Gesicht für alle CLC-Führer [war], die versuchen, die CLCs
zusammenzuhalten".

Eine weitere Sorge ist, dass die Spaltung zu erbitterten Kämpfen
zwischen den Gewerkschaften beiderseits der Trennlinie führen könnte. In
einigen Fällen sind solche Konflikte schon ausgebrochen, die die Wut der
Funktionäre beider Seiten weiter anfeuern.

Der Disput um die Gewerkschaft der Hausarbeits- und -pflegebeschäftigten
(United Domestic Workers -- UDW), Mitglied im AFSCME [einer der
Gewerkschaften für den öffentlichen Dienst], brach bereits auf dem
Gewerkschaftstag aus. Ein AFSCME-Delegierter erhielt stürmischen Beifall
für seine wütende Antwort auf den Brief von Andy Stern, dass die SEIU
[ebenfalls öffentlicher Dienst] sich nicht länger an ihre
Nichtangriffsregeln gebunden fühle.

Reformer bei den Teamstern [Lastwagenfahrer] weisen auf das in einer
Direktive der Teamster-Zentrale steckende Alarmzeichen hin. In diesem
Text wird den Ortsvereinen von Abwerbekämpfen zwischen den
Gewerkschaften abgeraten, doch es werden auch Verfahren für solche
Kämpfe festgelegt, wenn eine Gewerkschaft in einer bestimmten Branche
"untertarifliche Verträge" abschließt.


EINHEIT VON UNTEN

Während sich der Riss an der Spitze weiter vertieft, wächst an der Basis
das Bewusstsein für die Notwendigkeit, gemeinsame Aktivität und
Solidarität zu stärken. 

Die Gefahr einer Spaltung der Gewerkschaftsbewegung vor Augen
veröffentliche Jobs with Justice [etwa: Arbeit und Gerechtigkeit] direkt
vor dem Bruch eine nationale Erklärung: "Wir fühlen uns weiter dem
Aufbau von Gegenmacht für Beschäftigte und Stadtviertel verpflichtet.
Wir werden weiter mit jedem und jeder Organisation zusammenarbeiten, der
oder die diese Prinzipien unterstützt."


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Aus: Labor Notes, Sept. 2005
(http://labornotes.org/archives/2005/09/articles/a.shtml)


Der Autor ist Mitherausgeber von Labor Notes.


Übers.: Björn Mertens

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Aus:   Inprekorr Nr. 410/411       (Internationale Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
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[1]  Alle zwei Jahre (Legislaturperiode) werden ein Drittel der
Senatoren und alle 435 Mitglieder des Repräsentantenhauses neu gewählt.
-- D. Üb.