[IPK] Sri Lanka: Nach dem Tsunami
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Son Jul 9 19:03:23 CEST 2006
Sri Lanka:
Nach dem Tsunami
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Am 26. Dezember 2004 wurden alle Küsten rund um den Indischen Ozean von
einem gewaltigen Tsunami überschwemmt. Sri Lanka war von dieser Katastrophe,
die auf Jahrzehnte unvergessen bleiben wird, besonders betroffen.
Von Niel Wijethilake
Offiziellen Berichten zufolge gingen 60 000 Menschenleben verloren und die
Schäden an Häusern und Eigentum waren immens. Ganz Sri Lanka ohne
Unterschiede in Klasse, Religion oder Hautfarbe war noch Monate nach der
Katastrophe in tiefer Trauer. Es muss gesagt werden, dass der Tsunami nicht
nur Menschenleben ausgelöscht hat, sondern auch ein mächtiger Schlag für die
Wirtschaft war, die wiederaufzubauen Jahrzehnte dauern kann.
AKTUELLE SITUATION
Familien, die in solchen verwüsteten Gebieten leben, haben heute größere
Probleme als nur die unmittelbaren Schäden durch die Flutwelle des Tsunami.
Tausende haben ihre Partnerinnen oder Partner, Angehörige, Mütter, Väter,
Brüder, Schwestern und Kinder verloren. Tausende und Abertausende von
Kindern wurden Waisen. Die tobende See, die große Teile der Insel
überflutete, riss viele Witwen und Witwer in die Armut. Das Schicksal der
Obdachlosen war verzweifelt.
Wenige Tage nach der Katastrophe kamen einige NROs und viele Menschen, um zu
helfen, die dringendsten Bedürfnisse zu befriedigen. Sie errichteten
Tausende von Notunterkünften für die Obdachlosen.
Aber selbst heute leben immer noch Menschen in diesen provisorischen Hütten.
Sie suchen verzweifelt nach Licht fern am Horizont, das ihr düsteres
Schicksal aufhellen könnte. Hauptproblem ist, dass die srilankische
Regierung nicht ein einziges neues Haus für die vom Tsunami betroffenen
gebaut hat. Zwar gab es einen gewissen Wiederaufbau an der Küste der
Südprovinz, aber man muss bedauerlicherweise feststellen, dass die Menschen
entlang der [tamilisch und muslismisch bewohnten] Küsten der Nord- und
Ostprovinzen völlig übersehen und vernachlässigt wurden.
Und dies trotz der Tatsache, dass die frühere Regierung unter Frau
Kumaranathunga mit Unterstützung aller politischen Parteien außer den
singhal-chauvinstischen JVP und JHU [1] einen Beschluss zur Einrichtung
einer "Nach-Tsunami-Operationsstruktur" (post Tsunami operational management
structure -- PTOMS) im Parlament durchbrachte. Sie wurde von kurzsichtigen
kommunalen Strukturen zu Fall gebracht, die gegen die PTOMS eine Kampagne
begannen und Rechtsmittel gegen ihre Einrichtung einlegten.
Die Wiederaufbauprogramme und die Tätigkeit der Regierung und einiger NROs
gestalteten sich äußerst lethargisch. Die Arbeiten liegen weit hinter dem
Zeitplan. Es gibt keine geeigneten und durchdachten Mechanismen, um sie zu
beschleunigen und zu intensivieren.
Eine sachgerechte Verwaltung der eingegangenen Spendengelder ist dringend
erforderlich. Dies sind die entscheidenden Aufgaben, vor denen wir stehen.
Es wäre nicht schwierig, die Schwächen zu beseitigen und die Probleme zu
lösen, wenn die erforderlichen Mechanismen gestärkt würden.
DIE ROLLE DER NSSP
Die NSSP, die srilankische Sektion der IV. Internationale, stand durch die
Ereignisse des 26. Dezember vor einem großen Dilemma. Denn viele
Parteimitglieder und Sympathisantinnen und Sympathisanten waren selbst vom
Tsunami betroffen. Normalerweise feiert die Partei den Jahrestag ihrer
Gründung alljährlich am 30. Dezember. Die Ereignisse des zweiten
Weihnachtstags machten das sehr schwierig.
Trotzdem versammelte sich die Führung der Partei sofort nach diesen
Ereignissen und traf einige wichtige Beschlüsse, wie wir als proletarische
Partei den Not leidenden Menschen in den am meisten betroffenen Gebieten zu
Hilfe kommen könnten.
Innerhalb weniger Stunden analysierten wir die Lage und ergriffen Schritte
zur Mobilisierung der gesamten Mitgliedschaft, von Haus zu Haus und Person
zu Person zu gehen und Dinge zu sammeln, die am dringendsten benötigt wurden
wie Kleidung, Kindernahrung, Kosnerven und andere Trockennahrung für die in
Not befindlichen. Insbesondere beschlossen wir, die gesammelten Dinge unter
den Obdachlosen der Nord- und Ostprovinzen zu verteilen.
Der Aufruf stieß auf ein beeindruckendes Echo und eine große Sammlung wurde
begonnen. Das NSSP-Politbüro-Mitglied N. Janagan unterstrich noch einmal
deutlich, dass das Ergebnis der Sammlungen unter den Tamilen der Ostprovinz
verteilt werden sollte, und sagte: "Ich bin sehr glücklich, dass unsere
Mitglieder so viele wichtige Dinge sammeln konnten. Am 2., 3. und 4. Januar
2005 hat die NSSP die gespendeten Dinge in Batticaloa und Kalkudda
verteilt."
In der entscheidenden Stunde der Verzweiflung und der Not, die in dem Land
nach dem gnadenlosen Tsunami herrschten, richtete die NSSP einen Hilfsaufruf
an die IV. Internationale mit der Bitte um größere finanzielle
Unterstützung, der augenblicklich beantwortet wurde. Die NSSP und die Neue
Linksfront (New Left Front -- NLF) möchten tiefen Dank für die Initiativen
aussprechen, die von der Internationale in vielen Ländern Europas, den USA
und Japan gestartet wurde. Wir haben ganz beträchtliche Geld- und
Sachspenden erhalten und konnten sie in den verwüsteten Gebieten verteilen
und den Menschen helfen, die wirklich im Elend lebten.
Es gab eine große Zahl von Familien, deren Häuser von den Flutwellen völlig
zerschmettert worden waren, und einige von ihnen konnten Notunterkünfte wie
Zelte oder Hütten erhalten. Andere wurden in Flüchtlingslagern
untergebracht.
Die Regierung stellte die Regel auf, dass Häuser nicht näher als 100 m vom
Meer wiederaufgebaut werden sollten. Dies verschärfte die Situation, da es
unmöglich war, weiter landeinwärts Boden zu erwerben. Dies führte zu einer
übermäßigen Verzögerung beim Wiederaufbau in den Tsunami-Gebieten.
Die Partei prüfte die Situation eingehend und beschloss, beschädigte Häuser
wiederaufzubauen, um Unterkünfte für Menschen zu schaffen, damit sie ihr
normales Leben wieder aufnehmen können. Unter diesem neuen Programm konnten
wir Baumaterial in Gebiete wie Ratmalana, Moraruwa, Panadura, Ambalangoda,
Hikkaduwa, Galle, Hamnbanthota, Batticaloa und einige Orte in Trincommalee
liefern.
Außerdem leisteten wir finanzielle Unterstützung. Genosse M.R. (Arbeiter in
der Bata-Schuhfabrik) in Panadura, dessen Haus vom Tsunami zerstört worden
war, hatte einen Unterstützungsantrag an den NSSP-Tsunami-Fonds gestellt;
nach genauer Prüfung wurden ihm 200 000 Rupien (2000 US$) bewilligt und
sofort ausgezahlt. Die Gesundheitsarbeiterin Genossin Jayasinghe erhielt
100 000 Rupien für den Wiederaufbau ihres Hauses.
RÜCKSCHAU
Während der NSSP-Hilfsfonds versuchte, Not leidenden Menschen auf
verschiedenen Wegen zu helfen und sie zu unterstützen, unternahmen die
Genossen unermüdliche Anstrengungen gegen schlechte und fehlende Versorgung
aufgrund ausgesprochener Nachlässigkeit und Ineffizienz bei der Durchführung
der Hilfs- und Wiederaufbauarbeiten.
Wir ergriffen eine Initiative mit einem parallelen Programm gegen Fehler bei
der Hilfsarbeit, indem wir durch Agitationen, Kampagnen und öffentliche
Versammlungen einen Alarmruf landesweit verbreiteten, der aus allen Winkeln
des Landes gewaltige Zustimmung erntete. Wir schafften es, 15 erfolgreiche
Versammlungen dieser Art abzuhalten.
Ferner führten wir eine Kampagne gegen die Vertreibung von Fischern und
anderen unterdrückten Menschen, die nahe der Küste leben, durch. Die
Regierung war und ist bestrebt, ihre 100-Meter-Regel durchzusetzen und das
freiwerdende Land örtliche und ausländischen Hoteliers und
Reiseveranstaltern zum Bau von Touristenunterkünften für die Reichen zu
übergeben.
DANK UND ANERKENNUNG
Wir möchten nochmals der Internationale für ihre schnelle Reaktion auf
unseren Aufruf sowie allen Genossinnen und Genossen und allen Sektionen und
sympathisierenden Organisationen der Internationale weltweit für ihre
freundliche und großzügige Unterstützung danken. Ohne das, was wir erhalten
haben, hätte die NSSP nicht so vielen Menschen in Not in so großem Ausmaß
helfen können. Das ist eine gewaltige Leistung.
Unser Kampf gegen Unregelmäßigkeiten ist noch nicht zu Ende. Wir versichern
Euch, dass wir fehlerhafte Hilfe, Veruntreuung von Hilfsgeldern und soziale
Asymmetrien beim Wiederaufbau bekämpfen werden, bis eine neue sozialistische
Perspektive aus den Ruinen des Tsunami wächst.
Der Tsunami kam mit gewaltiger Macht und riss Tausende Menschenleben und
Millionenwerte beweglicher und unbeweglicher Güter und Besitz mit sich. Aber
er lehrte auch jeden von uns, dass wir zusammenstehen müssen.
Die Kapitalisten weltweit haben nicht gezögert, aus der Naturkatastrophe
eigennützige Vorteile zu ziehen. Die Kapitalistenklasse in Sri Lanka hat
völlig versagt, den Tsunami-Opfern gerecht ohne rassistische Diskriminierung
zu helfen. Die srilankische Regierung hat entweder versagt, den Menschen an
der Küste der überwiegend tamilisch und muslimisch bewohnten Nord- und
Ostprovinz Hilfe zu leisten oder sie hat sie absichtlich ihrem Schicksal
überlassen. Angesichts dieses Elends haben die Tamilinnen und Tamilen keiner
andere Möglichkeit als ihren Befreiungskampf zu verstärken.
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Niel Wijethilake ist führendes Mitglied der NSSP, der srilankischen Sektion
der IV. Internationale.
Aus: International Viewpoint, Januar 2006
Übers.: Björn Mertens
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Aus: Inprekorr Nr. 416/417 (Internationale Pressekorrespondenz)
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Weitere Artikel zum Thema:
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Vickramabahu Karunarathne: Katastrophenhilfe und wirtschaftspolitische
Interessen, Inprekorr Nr. 400/401 (März/April 2005)
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[1] Janatha Vimukthi Peramuna (Volksbefreiungsfront -- JVP) und Jathika
Hela Urumaya (Partei des nationalen Erbes -- JHU)