[IPK] Manfred Behrend: "Zeiten der Hoffnung -- Zeiten des Zorns"

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Son Mar 12 22:29:33 CET 2006


"Zeiten der Hoffnung -- Zeiten des Zorns"
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Hanna Behrends Vorwort zu dem von ihr herausgegebenen Buch mit Texten
von Manfred Behrend

Manfred Behrend (im Folgenden M.B.) ist ein Historiker, der sich in mehr
als einem halben Jahrhundert -- seit seinem 18. Lebensjahr -- als
Chronist seiner Zeit betätigt hat. Als kritischer Beobachter bedeutsamer
politischer Entwicklungen und herausragender Ereignisse in vielen Teilen
der Welt sowie führender Persönlichkeiten hat er darüber in zahlreichen
Veröffentlichungen in verständlicher Sprache, mit Sachkenntnis und Witz
berichtet.

Seine Arbeiten sind zugleich Stationen auf dem Weg eines
Arbeiterstudenten zu einem immer kompetenteren Zeitgeschichtler, der
sich keineswegs nur auf ein Gebiet beschränkte. Vielmehr motivieren sehr
breit gefächerte politische und publizistische, historische und
literarische Interessen sein Schreiben.

M.B. ist für eine breite Schicht von Intellektuellen der DDR
repräsentativ: Er gehört zu jenen, für die der Zweite Weltkrieg
prägendes Kindheits- und Jugenderlebnis war und die nach der Niederlage
des Nazi-Regimes, als sie an der Schwelle zum Berufsleben standen,
bereit waren, sich für jede Organisation und Weltanschauung zu
engagieren, die zu gewährleisten schien, dass Vertreter von Faschismus
und Krieg nie wieder auferstehen würden. Deshalb wurde er, dessen Vater
der KPD und der KPD-Opposition angehört hatte, Sozialist. Die DDR
ermöglichte dem jungen Arbeiter, seine während des Krieges erworbene
mangelhafte Schulbildung zu ergänzen, sein Abitur zu machen und ein
Studium der Geschichte aufzunehmen. Wie viele andere seinesgleichen
nutzte er diese Gelegenheit, um sich das notwendige handwerkliche
Rüstzeug für die Ausübung seines Wunschberufs anzueignen.
Wissenschaftliche Neugier und die Überzeugung, durch aufklärende
Beiträge Menschen zu neuen Einsichten zu verhelfen und damit zu
Veränderungen und Verbesserungen der Lage in seinem Land und darüber
hinaus beizutragen, spornten ihn an.

Sachlichkeit der Darstellung verband sich stets mit Parteinahme für die
Ausgebeuteten und Diskriminierten. Er engagierte sich für
Persönlichkeiten, die konsequent die braune Vergangenheit mancher
Ehrenmänner aufdeckten; beispielhaft dafür sind seine Beiträge zum
Abs-Prozess (S. 178-188) Für seine antifaschistische Gesinnung ist der
Aufsatz über das Volkswagenwerk (S. 58-75) ebenso charakteristisch wie
der Beitrag über den spanischen Bürgerkrieg aus heutiger Sicht (S. 141).
Die Portraits der im Realsozialismus verfolgten. Sozialisten Trotzki
(S. 82-103) und Brandler (S. 79-82) weisen seine antistalinistische
Haltung aus, die sich auch in den Beiträgen zum Antistalinismus
(S. 246-260) manifestiert.

Wie viele andere DDR-SozialistInnen ging auch M.B. den harten Weg der
Erkenntnis von naiver Anpassungs- und Disziplinierungsbereitschaft den
Führungskräften der FDJ und SED gegenüber, von denen er annahm, dass
sie, oft Kämpfer gegen Faschismus und Krieg, die Erfahreneren und
Kompetenteren seien und daher wohl Recht haben müssten, zur kritischen
Wahrnehmung der Fehlentwicklung in der DDR sowie der strukturellen und
ideologischen Defizite der Arbeiterbewegung. So hat M.B. seit den 50er
Jahren das dem Stalinismus geschuldete Totalitäre im Gesellschaftsgefüge
der DDR durchaus kritisch wahrgenommen, wie u. a. aus dem Aufsatz in der
Arbeiterstimme "Zur Situation an den Universitäten der DDR: Die
Thälmann-Legende wird brüchig" (S. 24f) aus dem Jahre 1956 hervorgeht.

Die Erfahrungen dieser Jahre lehrten ihn allerdings auch, die Grenzen zu
erkennen, innerhalb derer öffentliche Kritik in der DDR möglich war, in
welchen Fragen andere Taktiken eher zum Ziel führten bzw. es gar keinen
Handlungsspielraum gab. Wie sehr viele seiner Generation wollte er einen
Sozialismus mit menschlichem Antlitz und ohne Denkverbote, ein System,
in dem politische Entscheidungen auf breiter demokratischer Basis
zustande kommen und eine offene Diskussion von Standpunkten solchen
Entscheidungen vorausgeht. Er hatte bis zum Ende der DDR die Hoffnung,
es könnte zu solchen Reformen kommen und die 1989 reformierte DDR könnte
erhalten bleiben. Er war, wie aus vielen Texten deutlich wird -- so z.
B. in der Besprechung von Truchanowskis Biographie Winston Churchills
(S. 37f) -- überzeugt, dass dem Sozialismus die Zukunft gehöre, wenn es
gelänge, die kommunistische Partei zu demokratisieren und dabei die
Grundsätze einer sozialistischen Demokratie von unten zu verwirklichen.
So gab er bis zur "Wende" die Hoffnung nicht auf, es könnte zu solchen
Reformen kommen, und als das Volk 1989 einen Demokratisierungsprozess
erzwang, hoffte er, die DDR könnte als demokratischer und
sozialistischer Staat erhalten bleiben. Wie M.B. in der damals noch
bestehenden Zeitschrift Die Weltbühne im Dezember 1989 schrieb: "Die DDR
wird entweder ein Staat mit einer springlebendigen antifaschistischen
Demokratie sein, oder sie wird nicht sein". (S. 208) Er versteht sich
weiterhin "ungewendet" als kritischer Marxist und Sozialist, der
lernbereit und offen ist für andere humanistische weltanschauliche
Positionen.

Bereits vor und besonders seit der Wende mischte M.B. sich in viele der
politischen und historischen Diskussionen ein, um nachdrücklich
sozialistischen Positionen zum Durchbruch zu verhelfen. Die Texte über
den Abs-Prozess (S. 178-188) zeigen, dass er vor 1989 in Fällen, wo es
ihm um wichtige geschichtliche Wahrheiten ging, ungeachtet seiner
grundsätzlichen Loyalität zur DDR Publikationsverbote umging oder
ignorierte und die Folgen in Kauf nahm.

Die im vorliegenden Buch vorgestellten Publikationen M.B.s sind eine
kleine Auswahl aus seinem sehr umfangreichen Gesamtwerk. Neun
Leitz-Ordner, die Zeitungs- und Zeitschriftenausschnitte bzw. Kopien
davon sowie Manuskripte zu Rundfunksendungen enthalten, Dutzende
Zeitschriften und die genannten Bücher mussten durchgesehen werden, um
Texte auszuwählen, die ein repräsentatives Bild seines Schaffens
ermöglichen sollen. [....]

Manfred Behrend wurde am 9. April 1930 in Berlin geboren. Er war der
einzige Sohn eines Messerschmieds, der sich 1926 selbständig gemacht
hatte. Seine Mutter war mit im Geschäft tätig. Auch nach Besuch der
Volks- und Mittelschule ab 1936 in Berlin, seit 1944 in der Evakuierung
in Rothenschirmbach bzw. Eisleben begann M.B. 1945 in Berlin eine
Messerschmiedelehre. Sie wurde durch einen schweren Betriebsunfall im
März 1947 unterbrochen. Bei der Gesellenprüfung fiel er wegen
mangelhafter handwerklicher Kenntnisse durch. In einem Lebenslauf aus
dem Jahre 1957 stellte er fest: "Die Gesellenprüfung im Herbst 1948 habe
ich ... auch deshalb nicht bestanden, weil mich inzwischen andere
Interessen gefangen genommen hatten. ... Hinter dem Fiasko dieser
Prüfung stand ein Konflikt zwischen handwerklichen und politischen
Interessen". Nach dem Besuch eines Ferienlagers in Prieros im Sommer
1948 wurde M.B. politisch zunächst vor allem in der FDJ, seit 1949 auch
in der SED (Mitglied von 1951 -- 1990) aktiv. Bisher hatte sich sein
Interesse, in den letzten Kriegsjahren beginnend, darauf beschränkt,
durch Lesen und Rundfunkhören den eigenen Informationsstand zu
erweitern. Nun folgte der Wandzeitungsarbeit in seiner FDJ-Gruppe eine
Phase ab 1948, in der M.B. Leserbriefe für Start und Junge Welt, später
auch Berliner Zeitung, Nachtexpress Neues Deutschland, BZ am Abend,
National-Zeitung, Sonntag und Deutschlands Stimme verfasste. Das geschah
zunächst nur unter seinem Namen, dann auch unter verschiedenen
Pseudonymen. Die bescheidenen Honorare, die damals noch für Leserbriefe
gezahlt wurden, waren ihm nicht unwillkommen. Inhaltlich äußerte er sich
vorrangig zu jugendpolitischen Fragen, bald auch zur allgemeinen und
Deutschlandpolitik, bisweilen zu Theatervorstellungen und Alltagsfragen.
Ende 1948 besuchte er einen Lehrgang der Bezirksjugendschule der FDJ in
Rahnsdorf. Damals war M.B. noch der in der Jugendzeitschrift Start vom
1. Oktober 1948 von ihm vertretenen Auffassung: "In einer richtigen
Demokratie müssen auch mehrere Jugendorganisationen vorhanden sein, die
die jeweiligen Weltanschauungen vertreten oder, wie die FDJ,
überparteilich sind" (S. 16). In seiner FDJ-Gruppe "Freundschaft" in
Berlin-Kreuzberg war er Wandzeitungsredakteur. Im ersten Halbjahr 1949
wurde M.B. von der FDJ zu einem Nachwuchslehrgang der Deutschen
Wirtschaftskommission delegiert. Er war in dieser Zeit für die
Gestaltung einer Seite der "Jungen Welt" verantwortlich.

1949/50 folgte M.B.s Volontariat bei der Berliner Zeitung, ein erster
Versuch, Journalist zu werden. [....] Der Entlassung beim Berliner
Verlag folgte 1950/51 Botentätigkeit für den VEB Stahlleichtbau
Berlin-Johannisthal, wo M.B. sich an der FDJ-Wandzeitung betätigte. 1951
besuchte er die Landesjugendschule "Jochen Weigert" der Berliner FDJ.

Im September 1951 wurde ihm ein Studium an der
Arbeiter-und-Bauern-Fakultät Berlin ermöglicht, wo er 1953 die
Hochschulreife erwarb. Von 1953--1957 studierte er Geschichte an der
Humboldt-Universität. In dieser Zeit publizierte er Artikel zu
studentischen Fragen im Forum und Rezensionen belletristischer Werke
vornehmlich in der Kulturbundzeitschrift Sonntag, aber auch im
Schriftsteller und anderswo. Auch aus dieser Zeit ist manches in
Westberlin verloren gegangen.

1956 zählte M.B. an der Universität zu den entschiedenen
Stalinismuskritikern. Neben einigen vorsichtigen Beiträgen in der
DDR-Presse veröffentlichte er 1956/57 illegal solche in linken
Westblättern, vor allem in Die Andere Zeitung, Hamburg, und
Arbeiterpolitik, Stuttgart. Die Beiträge in Die Andere Zeitung hat er
bisher nicht wieder aufgefunden.

1957-1961 gehörte M.B. der Nachrichtenredaktion des Berliner Rundfunks
an und erwarb in dieser Zeit das Journalistendiplom. Nebenamtlich
schrieb er ein missglücktes, nach Überarbeitung durch den zuständigen
Redakteur kaum besseres Manuskript zum Kapp-Putsch, das gleichwohl
gesendet wurde, sowie zwei gelungene zum Tode Lumumbas und zur
Entwicklung auf Kuba und besprach einige politische Bücher. Wegen
verbotener Westberlinbesuche wurde M.B. kurz vor dem 13. August 1961
beim Rundfunk entlassen. Er fand eine Anstellung als Lektor im Verlag
Rütten & Loening, wo er bis September 1962 tätig war. Nennenswert sind
seine Vorbemerkungen zu Tilsit 1807 und Versailles 1919 in "Deutsche
Friedensverträge aus vier Jahrhunderten", Berlin 1962, einer Broschüre,
die auf Initiative des Geschichtslektorats während eines so genannten
Produktionsaufgebots bei R&L entstand. Von Hanna Köditz, seiner späteren
Ehefrau, unterstützt nahm M.B.erneut Studien zur Geschichte der
englischen Revolution auf, die allerdings damals zu keiner Publikation
führten.

1962 wechselte er zum Deutschen Institut für Zeitgeschichte (DIZ) über,
das neun Jahre später auf Weisung der SED-Führung mit dem Deutschen
Wirtschaftsinstitut und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen zum dem
ZKApparat unterstehenden Institut für internationale Politik und
Wirtschaft (I.P.W.) fusionierte. Nach der journalistischen und
verlegerischen begann für M.B. nun auch hauptamtlich die
wissenschaftliche Arbeit vor allem als Zeitgeschichtler, die allerdings
je nach Lage und Entwicklungstendenz in der DDR mehr oder minder
politisch beeinflusst, oft auch eingegrenzt wurde. Im vorliegenden Band
äußert sich das in thematischen Leerstellen, selten auch in
Einseitigkeiten der Darstellung. Bis 1967 leitete er die Arbeitsgruppe
"Deutscher Geschichtskalender" am DIZ. Er hatte den wesentlichen Anteil
am Zustandekommen von vier Jahresbänden der Reihe "Was war wann?
Deutscher Geschichtskalender", einer zeitgeschichtlichen Chronik, die
auf Weisung "von oben" eingestellt wurde, als sie sich gerade zu
rentieren begann. Vielleicht hat es Teilen der Parteiführung oder des
Apparats nicht behagt, eigene politische Winkelzüge später in derartigen
Bänden dokumentiert zu finden. Nach Auflösung der Arbeitsgruppe war M.B.
bis 1971 mit seiner Dissertation über Franz Josef Strauß beschäftigt.
[....]

Bisweilen durfte er zum Thema Parteienforschung etwas veröffentlichen.
Oftmals boten der bundesdeutsche Neofaschismus, reaktionäre und
rechtsextreme Kräfte in anderen Ländern, ab 1973 besonders in Chile, und
historische Themen ihm eher Publikationsmöglichkeiten. M.B. hielt
Vorträge -- vor allem im Rahmen der "Urania". Er schrieb Manuskripte für
Rundfunksendungen, Presseartikel und Buchbesprechungen, so in den
institutseigenen Monatsschriften Dokumentation der Zeit und
IPW-Berichte, im Forum und in der außenpolitischen Wochenzeitschrift
horizont, der Neuen Zeit (dem Zentralorgan der DDR-CDU), der vom
Innenministerium herausgegebenen Halbmonatsschrift Bereitschaft, der
Zeitschrift für Geschichtswissenschaft und in Der antifaschistische
Widerstandskämpfer. Viele Pressebeiträge erschienen unter Pseudonymen,
um IPW-Direktion und die Abteilung 70 des SED-Apparats nicht auf die
ungewöhnlich hohen publizistischen Aktivitäten eines Mitarbeiters auf
Gebieten aufmerksam zu machen, die zwar ihn selbst interessierten, von
den Oberen aber als marginal und daher überflüssig angesehen worden
wären. Zudem wäre die Artikelfolge im Widerstandskämpfer von 1986/87
über die Deutsche Bank AG und ihren Stuttgarter Prozess wegen des Buches
"Der Bankier und die Macht. Hermann Josef Abs in der deutschen Politik"
von Eberhard Czichon unter Klarnamen gar nicht möglich gewesen: Die
genannte ZK-Abteilung hatte 1970 während des Gerichtsverfahrens M.B. und
Czichon nach ersten Publikationen im "Forum" und anderen Blättern jede
weitere Veröffentlichung zum Thema ohne vorangegangene Genehmigung
ihrerseits untersagt. Die Genehmigung aber wäre nicht zu haben gewesen.

Vom IPW erlaubte Tätigkeitsgebiete M.B.s außerhalb des Instituts ergaben
sich seit Mitte der 70er Jahre durch seine Mitgliedschaft in der von
Prof. Ludwig Elm geleiteten DDR-Arbeitsgruppe Konservatismus, die auch
bilaterale Tagungen mit polnischen Wissenschaftlern abwechselnd in
beiden Staaten organisierte, und seine Teilnahme an den von Prof.
Manfred Weißbecker geleiteten, bis 1971 veranstalteten jährlichen
Faschismus-Kolloquien. Infolge seiner Mitarbeit publizierte M.B. zu
einschlägigen Fragen im Konservatismus-Jahrbuch und in den Jenaer
Beiträgen zur Parteiengeschichte. Im Jahrbuch für Geschichte Nr. 10,
Berlin 1974, veröffentlichte er einen längeren Beitrag "Zur
Gesellschaftspolitik der CSU und des Franz Josef Strauß". [....]

Das Jahr 1990 bedeutete für ihn das Ausscheiden aus dem im Zuge der
Ausschaltung der DDR-Kultur und -Wissenschaft abgewickelten Institut und
den Übergang in den Vorruhestand. Publizistisch setzte M.B. die Arbeit
fort, so nach wie vor in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft und
den noch bis 1992 existierenden iPW-Berichten, bei zeitweiligen
Publikationsverboten erneut auch in der Jungen Welt und im Neuen
Deutschland. Hinzu kamen die Berliner Beiträge zur Geschichte der
Arbeiterbewegung (BzG), die in der Tradition der KPD-Opposition stehende
Nürnberger Arbeiterstimme, der Osnabrücker HINTERGRUND und die Kölner
Sozialistische Zeitung (SoZ). Zusätzlich zu vorher bearbeiteten Themen
wie dem westdeutschen Neofaschismus, von Konzerngeschichten u. a.
erschloss M.B. sich eine Reihe weiterer Schwerpunkte: ?
Rechtsextremismus und Neofaschismus in der DDR bzw. im neuen Osten der
BRD

* Geschichte der DDR-Bürgerbewegungen und der PDS
* Zerstörung von Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur der DDR durch
altbundesdeutsche Kolonisatoren und deren einheimische Helfer
* Auseinandersetzung mit dem Stalinismus und mit Versuchen, ihn
fortzusetzen
* Fragen der KPdSU-, UdSSR- und Kominterngeschichte, aber auch der
DDR-Vergangenheit, des spanischen Bürgerkrieges und der Biographie Leo
Trotzkis.

Auf diesen Feldern entstanden neue Publikationen; neben zahlreichen
Aufsätzen und Rezensionen gab M.B. 1991 gemeinsam mit Prof. Helmut Meier
den Dokumentenband "Der schwere Weg der Erneuerung. Von der SED zur PDS"
heraus. In dem 1996 von Hanna Behrend edierten Buch "Die Abwicklung der
DDR. Wende und deutsche Vereinigung von innen gesehen" [Neuer
ISP-Verlag], das im Jahr zuvor in Englisch unter dem Titel "German
Unification. The Destruction of an Economy" in London und East Haven
veröffentlicht worden war, sind zwei Kapitel, das über
Parteienentwicklung und das über Rechtsextremismus im Osten vor und nach
dessen Anschluss an die BRD, von M.B. verfasst. Bereits vor der "Wende"
und danach engagierte er sich in Vorträgen und Veröffentlichungen gegen
die neonazistischen Umtriebe in der DDR und ihre Verharmlosung durch die
DDR-Behörden. In "Nazis auf dem Vormarsch" in der Weltbühne fordert er:
ein enges Bündnis aller Demokraten, schonungslose Aufdeckung des
Vorgehens der DDR-Behörden gegen die DemonstrantInnen am und um den
9. Oktober 1989 und Garantien dafür, dass sich diese Vorgänge nicht
wiederholten.

Es erschienen zwei Broschüren des Vereins "Helle Panke" in Berlin mit
Vorträgen M.B.s. über den nun gesamtdeutschen Neofaschismus ("Was ist
neu am deutschen Rechtsextremismus", in Klartext, Heft 5, Berlin 1993)
sowie über Trotzki ( "Leo Trotzki, 1879-1940, Verdienste und Fehler
eines großen Revolutionärs", in Vielfalt sozialistischen Denkens Heft 7,
Berlin1999); ferner die von M.B. herausgegebenen "Beiträge zur
Stalinismus-Diskussion", Berlin 1997, und mehrere Beiträge aus seiner
Feder in "Der spanische Bürgerkrieg", München 2002.

So wenig er sich das DDR-Regime, wie es vor dem Oktober 1989 war, jemals
zurückwünschte, so wenig identifiziert er sich mit dem neoliberalen
politischen Mainstream in der Bundesrepublik. In "Bankrotteure unter
sich. Wie man eine Wirtschaft zugrunde richtet" setzt er sich bereits im
Juni 1990 in Der Anzeiger kritisch mit der folgenreichen Zerstörung der
DDR-Wirtschaft durch die Wirtschaftsrepräsentanten der Bundesrepublik in
Tateinheit mit willfährigen Vertretern der DDR-Betriebsleitungen
auseinander (S. 220-222). In einem als Leserbrief in die andere vom
1.7.1990 abgedruckten "Glückwunsch" an den damaligen Ministerpräsidenten
Lothar de Maizière gratulieren M.B. und Hanna Behrend diesem dazu, dass
"er als Sachwalter der siegreichen Bonner Republik eine Entwicklung
mitverursacht habe, die uns am Ende des 20. Jahrhunderts der
fluchbeladenen deutschen Vergangenheit ein gutes Stück näher gebracht
hat." (S. 223)

M.B. gehört auch zu den wenigen Autoren, die damals eine von Hysterie
und Vorurteil ungetrübte Einschätzung der DDR-Staatssicherheit
publizierten und deren spätere Instrumentalisierung durch die
bundesrepublikanischen Behörden und ihre ostdeutschen Helfer aufdeckten
(in "Thesen zur DDR-Staatssicherheit" in der Arbeiterstimme im März
1991, S. 224-226 in ds. Buch). In "Lebenslügen der erweiterten
Bundesrepublik", HINTERGRUND, I-1992 (hier S. 229-233) setzte er sich
kritisch mit der Legende von der friedlichen Revolution des Volkes
auseinander, die einzig und allein dem allseits ersehnten Anschluss an
die Bundesrepublik gegolten habe. Der Artikel über "Ulbrichts
?schreckliche Mauer'" (2001; hier S. 234-236) ist ein ausgewogener,
sachlicher und brillant formulierter Beitrag zur damaligen Diskussion zu
diesem Thema.

Die Inkonsequenz der SED/PDS im Kampf für eine sozialistische
DDR-Entwicklung veranlasste M.B., die Partei, der er vierzig Jahre
angehört hatte, im Januar 1990 zu verlassen und fortan nur noch solche
politischen Bewegungen, Vorhaben und Projekte zu unterstützen, die
tendenziell Voraussetzungen zu schaffen versuchen, um "alle Verhältnisse
um[zu]werfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes,
ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist" [Marx, Zur Kritik der
Hegelsche Rechtsphilosophie, Einleitung, MEW I; 385].

Dieser Maxime ist M.B. bis heute treu geblieben.


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Berlin, im Juni 2004, die Herausgeberin [Hanna Behrend]


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Die Seitenangaben in diesem Text beziehen sich auf folgendes Buch: Hanna
Behrend (Hrsg.): Zeiten der Hoffnung, Zeiten des Zorns aus der Sicht
eines DDR-Chronisten, Edition Ost Berlin 2005, 541 S.brosch.19,90 ?,
ISBN 3-89793-105-2. Im Buchhandel und beim Verlag erhältlich. Wir danken
der Autorin für die freundliche Genehmigung des (hier nur unwesentlich
gekürzten) Abdrucks ihres Vorwortes.

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Aus:   Inprekorr Nr. 412/413       (Internationale Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
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