[IPK] Dänemark: Wir brauchen ein neues Jugendhaus in Kopenhagen
Inprekorr
inprekorr at comlink.org
Sa Mär 31 00:22:07 CEST 2007
Dänemark:
Wir brauchen ein neues Jugendhaus in Kopenhagen
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Nach vielen Jahren Unruhe bis hin zu dezidierten Straßenkämpfen gibt es
jetzt nur noch ein leeres Grundstück, wo bis vor kurzem ein Haus stand, das
von Initiativen und Kreativität sprudelte und gleichzeitig ein Symbol für
die Geschichte der Arbeiter- wie der Frauenbewegung war.
Die Verantwortung dafür tragen Sozialdemokraten und bürgerliche Parteien im
Stadtrat, die das Ungdomshuset (Jugendhaus) am Jagtvej verkauften -- ein
Haus, von dem der konservative Kulturbürgermeister Thustrup Hansen schon
1999 sagte, es sei der Jugend geschenkt und man könne "ein Geschenk nicht
erst geben und dann wieder zurücknehmen" (TV-Lorry, 07.03.07).
Dennoch entschloss sich eine politische Mehrheit, das Haus zu verkaufen und
anschließend der Christensekte Faderhuset (Vaterhaus) das Recht zu geben,
die jungen Nutzerinnen und Nutzer hinauszuwerfen und das Haus
niederzureißen. Diese Politiker haben das Problem geschaffen und sich jeder
einleuchtenden Lösung widersetzt. Nutzerinnen und Nutzer des Jugendhauses
mussten nicht nur diese politische Verstocktheit mit ansehen; sie wurden
auch aus ihrer Zufluchtstätte hinausgeworfen und mussten erleben, wie das
Haus von Kranen und Bulldozern zertrümmert wurde.
Auch die Regierung hat versucht, aus dem Konflikt billige Punkte zu holen,
indem sie sich als "Verteidiger des Rechtsstaats gegen verhätschelte
Jungterroristen" darstellte. Mit voller Unterstützung für die Polizei und
Erklärungen über die Verantwortung der Eltern und der Androhung, sie für
Zerstörungen ökonomisch verantwortlich zu machen, bestritten sie jede
politische oder gesellschaftliche Verantwortung für den Konflikt, der
alleine zum Ausdruck individueller Probleme einige Jugendlicher und deren
mangelnder Erziehung gemacht wurde -- wobei die Proteste gegen die wachsende
Gleichschaltung und Individualisierung, die Jugendliche erleben, völlig
ignoriert werden.
Auch die Presse trägt Verantwortung. Was dieser Konflikt für den
neugegründeten Nachrichtenkanal TV2-News bedeutete, kann in Werbekronen gar
nicht gemessen werden --mit "breaking news" und einem Helikopter über [dem
betroffenen Stadtteil] Nørrebro rund um die Uhr hat der Sender es
verstanden, das Maximum herauszuholen. Der Rest der Presse folgte mit mehr
oder weniger gut untermauerten, aber immer dramatisierenden Überschriften.
Dass die Polizei sich als Werkzeug in einem politischen Konflikt hat
einsetzen lassen, kann nicht verwundern. Die Polizei trägt Mitverantwortung
für die Eskalation des Konflikts durch ihre Strategie, "zuerst zuschlagen",
legale Demonstrationen aufzulösen, Verhaftungen vorzunehmen und bis dahin
friedliche Demonstrationen mit Tränengas anzugreifen.
Gleichzeitig hat die Polizei die Stimmung angeheizt und versucht, die
Meinungs- und Versammlungsfreiheit zu untergraben, indem sie die Menschen
aufforderte, sich von den Straßen Nørrebros fernzuhalten. Auch
Durchsuchungen von Privatwohnungen und Büros politischer Organisationen --
manchmal auch ohne richterliche Durchsuchungsbefehle -- sowie
Massenverhaftungen und Untersuchungshaftbefehle am Fließband ohne
überzeugende juristische Behandlung des Einzelfalls dienten mir dazu, die
Stimmung anzugeizen und den Rechtsstaat zu untergraben, den die Polizei doch
schützen soll.
In dieser Situation verwundert es nicht, dass einige frustriert sind und zu
Gewalt und Zerstörung greifen. Es kann auch nicht verwundern, dass einige
Gruppen auf die Ideen kommen, dass dies die einzige und beste Art sei, das
System zu bekämpfen. Es ist wirklich nicht schwer zu verstehen, dass manche
so reagieren.
------------ KASTEN -----------------------------------------------
GEGENKULTUR -- OBDACHLOS
"In Erinnerung: Jagtvej 69, 1897--2007" -- Das stand auf einer Kranzschleife
vor dem Ungdomshus (Jugendhaus) im Kopenhagener Jagtvej 69, während
Bulldozer und Abrissbirnen das Gebäude zerstören und die bisherigen
Nutzerinnen und Nutzer vom gegenüberliegenden Bürgersteig heulend zusehen.
Aber der Kampf für ein neues Haus wird mit täglichen Kundgebungen und
Happenings fortgesetzt, und im Stadtrat fordert u.A. die rot-grüne
Einheitsliste eine politische Lösung.
Das historische Haus am Jagtvej 69 war immer Teil des politischen Kampfs. Es
wurde 1897 von Arbeitern errichtet, die einen Platz für Versammlungen
brauchten. Jahrzehntelang war es unter dem Namen "Arbeiterpalast" Zentrum
für Feste und Kämpfe. 1901 wurde die erste Frauengewerkschaft (KAD) in
diesem Haus gegründet und 1910 rief Clara Zetkin hier den Internationalen
Frauentag aus. Sowohl Lenin als auch Rosa Luxemburg haben hier gesprochen.
Seit 1982 war das Haus ein autonomes Kulturzentrum gewesen. Unter starkem
politischem Druck mit Hausbesetzungen und Demonstrationen gab die
Stadtregierung das Haus der Jugend zur Nutzung. Seither war das Haus
vollständig selbstverwaltet und bildete als Zentrum der autonomen
politischen Kultur einen Kristallisationspunkt der alternativen Musikszene
ganz Skandinaviens.
1999 traf der Stadtrat die fatale Entscheidung, das Haus zu verkaufen. Im
Jahre 2000 wurde es von einer kleinen christlich-fundamentalistischen Sekte
gekauft. Obwohl eine von Gewerkschaftsführern, Rechtsanwälten und früheren
Nutzerinnen und Nutzern gegründet Stiftung anbot, das Haus zu kaufen, suchte
die Sekte die Konfrontation und behauptete, die Nutzer würden auf der Seite
des Satans kämpfen. Nach einer Reihe juristischer Auseinandersetzungen
errangen die Christen im August den juristischen Anspruch auf das Haus.
DER KAMPF...
Am frühen Morgen des 1. März setzte ein Militärhubschrauber eine
Antiterroreinheit der Polizei auf dem Dach des Hauses ab. Die Räumung hatte
begonnen. In den folgenden Stunden sammelten sich Demonstranten auf den
Straßen und Plätzen um das Gebäude. An der Polizeikette kam es zu
Auseinandersetzungen. Die Polizisten erklärten die Demonstration für
aufgelöst, und in den nächsten zwei Tagen breiteten sich Straßenschlachten
mit brennenden Autos, Barrikaden, Pflastersteinen, Tränengas und
Pflastersteinen auf verschiedene Teile der Stadt aus. Mehr als 750 Personen
wurden verhaftet. Ohne richterlichen Durchsuchungsbeschluss stürmten die
Polizisten politische Organisationen, darunter die Rechtsgruppe des
Jugendhauses. Die Polizisten griffen private Häuser und linke
Wohngemeinschaften an und verhafteten jeden, den sie antrafen. Friedliche
Demonstrationen wurden ohne Vorwarnung mit Tränengas und Schlagstöcken
attackiert. Wen die Polizisten erwischten, der wanderte den Verteidigern
zufolge automatisch mehrere Wochen in den Knast und Kinder unter 15 wurden
zusammen mit Erwachsenen eingesperrt. "Das Gericht wurde zur juristischen
Irrenanstalt", schrieben sechs Verteidiger in einem Offenen Brief an die
Zeitung /Politiken/.
... GEHT WEITER
Tausende trotzten den Polizisten und zeigten ihre Unterstützung für das
Jugendhaus auf verschiedenen Demonstrationen. Aber wir brauchen noch
breitere Demonstrationen, um eine noch größere Bewegung aufzubauen, um die
Politiker zu einer anderen Politik zu zwingen. Und wir brauchen mehr
besetzte Häuser und einen Kampf, der die Menschen nicht durch Gewalt
abschreckt. Das ist der Weg zum Aufbau einer Gesellschaft mit Raum für
Differenzen, Flüchtlinge und Jugendhäuser und ohne Polizeigewalt, Rassismus
und Krieg.
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Martin Hammer, Mitglied der SAP/IV. Internationale
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Aber dieses Verständnis ändert nichts daran, dass das Zerschlagen von
Schaufensterscheiben, das Zerstören der Autos einfacher Bewohnerinnen und
Bewohner von Nørrebro und das Abfackeln einer Schulbibliothek durch und
durch unsolidarisch sind. Zusammen mit Bränden und Pflastersteinen hat das
viele, die das Jugendhaus und seine Nutzerinnen und Nutzer unterstützt
hatten, dazu gebracht, sich gegen sie zu wenden, und andere blieben zu
Hause, statt an Demonstration o.Ä. teilzunehmen.
Es hätte andere Möglichkeiten gegeben.
Vielleicht wäre der Jagtvej 69 nicht zu retten gewesen. Aber man hätte mit
der vorbereiteten Besetzung der anderen Gebäude reagieren können, die als
neues Jugendhaus im Gespräch waren, und Unterstützer und Sympathisierende
auffordern zu kommen und einen permanenten Sperrgürtel um das Haus zu
bilden.
Vielleicht hätte die Polizei auch das nächste Gebäude geräumt. Doch mit
jedem neuen Haus wäre es für die Polizei schwieriger und mit jeder neuen
Besetzung der Druck auf die Politiker größer geworden. In gewisser Weise war
das die Methode, mit der vor 25 Jahren das Ungdomshus im Jagtvej erkämpft
worden war. Aber das hätte vorausgesetzt, dass Nutzerinnen und Nutzer sich
kollektiv von der Idee lösen, alle hätten das Recht, auf ihre Art und mit
ihren Methoden aktiv zu werden und alle Methoden seien gleich gut und
akzeptabel.
Diese fast totale Freiheit kann im Alltag eines selbstverwalteten
Jugendhauses funktionieren und den Freiraum schaffen, für den Bedarf
besteht. Aber diese Organisationsform taugt nichts, wenn gekämpft werden
muss. Sie bringt keine Erfolge, unter Anderem weil sie die Aktiven von den
breiten Gruppen in der Gesellschaft trennt, die man zur Unterstützung
gewinnen könnte.
Es ist nicht gelungen, den Kampf politisch zu machen. Solange die Kampfziele
unklar sind, wird zu leicht die Polizei als Gegner gesehen, und so kommt die
Gewalt allzu sehr in den Fokus. Und das ist destruktiv für die
Unterstützung.
Es ist daher eine wichtige Lehre, dass die anarchistische Methode zwar gut
ist, Kreativität zu fördern und zu stärken, aber dass sie weniger gut für
eine zielgerichtete Konfrontation mit der ganzen Gesellschaftsmaschinerie
geeignet ist.
Der Kampf ist nicht verloren!
Wir brauchen kreative und soziale Freiräume -- auch in Kopenhagen. Wir
brauchen selbstverwaltete Jugendhäuser. Die Stadt Kopenhagen hat die
Verantwortung, deren Existenz zu sichern und zu finanzieren -- genauso wie
Sporthallen, Freizeitheime, Parks und Altentagesstätten.
Diese Verantwortung liegt bei den Politikern im Kopenhagener Stadtrat, und
vor dieser Verantwortung können sie nicht fliehen, nur weil es Gewalt --
auch sinnlose Gewalt -- auf den Straßen gegeben hat.
Hier und jetzt können wir maximalen Druck auf die Politiker ausüben, indem
wir
* die Idee eines selbstverwalteten Jugendhauses unter Freundinnen und
Freunden, in der Schule, der Familie und am Arbeitsplatz erklären und
verteidigen
* möglichst viele Menschen zu den friedlichen Demonstrationen mobilisieren
* Aktionen durchführen, die normale Menschen nicht abstoßen und wo die
Verantwortung für eventuelle Gewalt offenkundig bei Politikern und Polizei
liegt, z.B. neue Besetzungen
* die politische Arbeit fortsetzen, mit der die rot-grüne Enhedslisten schon
lange versucht, eine politische Mehrheit für Einrichtung eines neuen
Jugendhauses zu schaffen
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Geschäftsführender Ausschuss der SAP, 9. März 2007
Quelle: http://www.sap-fi.dk/sap/ugens_kommentar/uk20070309.htm
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Die SAP ist die dänische Sektion der IV. Internationale
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