[IPK] Ökologie: Wasserstoff ist kein Allheilmittel

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Do Sep 6 00:53:52 CEST 2007


Ökologie:

Wasserstoff ist kein Allheilmittel
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Die Medien schäumen mehr und mehr über von optimistischen Worten über die
Möglichkeiten, Wachstum und Klima gleichzeitig zu retten durch Übergang zu
einer Ökonomie auf Basis von Wasserstoff und Brennstoffzellen zur Produktion
von Elektrizität. Diese Technologien sind tatsächlich vielversprechend:
Einerseits erreicht der Wirkungsgrad der Zellen leicht 60% und könnte die
80%-Grenze in den nächsten Jahren durchbrechen; andererseits fallen nur
Wärme (verwertbar) und Wasser an -- keine CO2-Emissionen, keine oder nur
sehr wenige Abgase, kein Lärm.

Das Problem ist nur, dass Wasserstoff als solcher in der Natur nicht
vorkommt. Man muss ihn extrahieren -- aus Wasser, aus fossilen Brennstoffen
oder aus Biomasse. (Auch gewisse Algen und Bakterien können Wasserstoff
produzieren, aber die Forschung zu diesem Thema ist noch weit davon
entfernt, dies als Energietechnologie nutzen zu können.) Wasserstoff ist
keine Energiequelle, sondern ein Energieträger, wie Elektrizität. Er kann
gelagert und transportiert und in Strom (und wieder zurück) umgewandelt
werden, er bietet die Möglichkeit, die Effizienz von Energiesystemen zu
steigern. Er könnte insbesondere zur Stabilität des Versorgungsnetzes bei
Verwendung nicht ständig zur Verfügung stehender Energiequellen (Wind,
Sonne, ...) beitragen. Darüber hinaus eröffnet die Kombination
Brennstoffzelle/Wasserstoff die Perspektive einer dezentralisierten und
modularisierten Energieproduktion, d.h. einer Verringerung der Verluste bei
der Verteilung des Stroms. Es bleibt nur das Problem, dass Elektrizität wie
Wasserstoff die Ausbeutung einer Energiequelle erfordern. Welche Quellen zur
Deckung welcher Bedürfnisse? Das ist nach wie vor die entscheidende Frage.
Von ihr kann man nicht ablenken, indem man den Wasserstoff als ein
Wundermittel präsentiert.

Man erwartet vor allem, dass Wasserstoff eine Alternative zum Erdöl im
Transportsektor darstellen könnte, wo das Potenzial der Biotreibstoffe nicht
ausreicht (siehe "Kohlenstofffreie Wirtschaft und
Energieeinsparung"[http://inprekorr.de/428-klima-kohlenstofffrei.htm]). Der
Transportsektor verbraucht 25% der Energie im Weltmaßstab und ist
verantwortlich für ein Fünftel aller durch Verbrennen fossiler Energieträger
entstehenden CO2-Emissionen. Die Wachstumsperspektiven sind aberwitzig,
besonders für den Straßenverkehr (80% der Emissionen). Wenn sich nichts
ändert, werden die Emissionen zusammengerechnet 1,4 bis 2,7 Gigatonnen im
Jahr 2020 und 1,8 bis 5,7 Gigatonnen im Jahr 2050 erreichen. (Bahn und
Binnenwasserstraßen erreichen maximal 0,078 bis 0,087 Gt [GIEC, Mitigation
12001]). Angesichts solcher Zahlen ist es illusorisch sich mit der
Perspektive zu beruhigen, alle Autos, Flugzeuge und Lastwagen könnten ab
sofort mit Wasserstoff bewegt werden, denn die erforderlichen Mengen können
nur produziert werden, wenn man weiter riesige Mengen fossiler Energieträger
verbrennt -- oder durch Kernenergie. Es ist die Art des Transportes selbst,
die in Frage gestellt werden muss, und damit nicht nur die "Just in
time"-Produktion, sondern auch die ganze Raumordnung, die Trennung zwischen
Stadt und Land und die daraus entstehenden entfremdeten Bedürfnisse.

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Aus:   Inprekorr Nr. 428/429   (Internationale Pressekorrespondenz)
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