[IPK] Ökologie: Nach Kyoto: Droht die neoliberale Klimaoffensive?

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Do Sep 6 07:19:00 CEST 2007


Ökologie:

Nach Kyoto: Droht die neoliberale Klimaoffensive?
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Von Daniel Tanuro


In der imperialistischen Welt zeichnet sich schrittweise eine Annäherung
zwischen BefürworterInnen und GegnerInnen des Kyoto-Protokolls ab.
Einerseits hat die Europäische Union (EU) die meisten der neoliberalen
Maßnahmen, die ursprünglich von Washington vorgeschlagen wurden, übernommen.
Andrerseits deutet Einiges darauf hin, dass die Vereinigten Staaten sich am
Ende dem Ziel anschließen werden, bezifferbare Reduktionsziele mit Fristen
für deren Umsetzung festzulegen.


ZWIESPÄLTIGE KYOTO-ERGEBNISSE

Das 1997 unterzeichnete Kyoto-Protokoll ist ausgesprochen unvollständig und
enthält zahlreiche problematische, aber auch ein paar positive Aspekte.
Diese Zwiespältigkeit muss erkannt werden, wenn man die laufende Entwicklung
verstehen will.

Die Unzulänglichkeiten sind bekannt:

* Die Senkung des Ausstoßes von Treibhausgasen um 5,2 Prozent unter das
Niveau von 1990, auf die sich die Industriestaaten für die Periode 2008 bis
2012 verpflichtet haben, sind allenfalls ein minimaler erster Schritt.

* Selbst wenn das Protokoll von allen Staaten, die es ratifiziert haben,
vollständig umgesetzt würde, läge die tatsächliche Reduktion für die
Gesamtheit der Industriestaaten angesichts der Nichtratifizierung durch die
USA und Australien bei knapp 1,7 Prozent. [1]

* Kyoto strotzt vor Manipulationen, um die Anstrengungen, die unternommen
werden müssten, abzuschwächen. Die drei "flexiblen Mechanismen" erlauben
Großunternehmen in den Industriestaaten und in Ländern, in denen sie ihre
Niederlassungen haben, einen Teil ihrer eigenen Anstrengungen durch
Investitionen in Ländern des Südens oder Ostens zu kompensieren oder
Emissionsrechte auf dem Weltmarkt zu erwerben. [2] 
Manche dieser Rechte -- insbesondere die berüchtigten Massen "heißer
russischer Luft" [3] oder die "Kohlenstoffsenken" (siehe weiter unten) --
gehen mit keinerlei strukturellen Reduktionsanstrengungen einher.

* Angesichts des Einverständnisses zwischen Regierungen bzw. Behörden und
Unternehmerschaft (im Namen der Wettbewerbsfähigkeit) öffnet insbesondere
die Gratisverteilung von Emissionsrechten für die in den Reduktionsplänen
berücksichtigten Großunternehmen den Weg für Sonderregelungen aller Art. Das
als Modell präsentierte europäische System des Handels mit Emissionsrechten
liefert ein Beispiel für die möglichen Betrügereien und ihre Folgen: Im
ersten Jahr nach Einführung des Systems verteilten die Behörden Rechte auf
1848,6 Millionen Tonnen CO2, obwohl die Emissionen der 11 500 betroffenen
Unternehmen nur 1785 Millionen Tonnen betrugen. Der britische
Elektrizitätssektor allein erzielte damit einen Gewinn von 800 Millionen
Pfund. [4]


Die problematischsten Folgen von Kyoto sind:

* Kyoto betrachtet die Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgas einerseits
und die Kohlenstoffbindung (CO2-Sequestration) andererseits als
gleichwertig. Dabei liefert aber nur die Senkung der Emissionen eine
strukturelle Antwort auf den verstärkten Treibhauseffekt. Die meisten
Sequestrationsformen wie Absorption durch die Ökosysteme (so genannte
"Kohlenstoffsenken" wie Wälder, Böden und Ozeane) und die Abscheidung von
Kohlendioxid in Elektrizitätswerken (mit der späteren Speicherung des Gases,
beispielsweise in gewissen Gesteinsschichten) sind dagegen bestenfalls
vorübergehende Gegenmittel, um Zeit zu gewinnen. [5]

* Der Saubere Entwicklungsmechanismus (CDM) und die Gemeinsame Umsetzung
(JI) haben einen stark neokolonialen Einschlag, denn sie erlauben dem
Norden, die einfachsten, billigsten Mittel der Emissionsreduktion für sich
zu beanspruchen. Diese Regelungen haben zur Folge, dass erstens die Kosten
von Kohlenstoff auf dem Markt gesenkt und damit die Industriestaaten eher
zum Kauf von Rechten als zum Abbau ihrer Emissionen bewogen werden, und dass
zweitens die zukünftige Fähigkeit von Entwicklungsländern, ihren Ausstoß zu
reduzieren, wenn sie im Zuge internationaler Verhandlungen dazu gezwungen
sein werden, untergraben wird.

* Die Verteilung von Emissionsquoten auf die Staaten gemäß dem Volumen der
1990 ausgestoßenen Treibhausgase (abzüglich der vereinbarten
Reduktionsbemühungen) kommt de facto einer Verteilung von halbpermanenten
Eigentumsrechten auf Teile der Atmosphäre gleich. Diese Verteilung
sanktioniert das Entwicklungsgefälle zwischen Nord und Süd und widerspricht
der Definition der Luft als Gemeingut.

* Im Kyoto-Protokoll gibt es keinerlei Vorkehrungen, die Bemühungen großer
Entwicklungsländer zu berücksichtigen, schon heute ihre Verantwortung aus
Verpflichtungen wahrzunehmen, die zukünftig auf sie zukommen werden. Diese
Schwäche des Protokolls liefert den herrschenden Klassen dieser Länder einen
bequemen Vorwand, so lange wie möglich fossile Brennstoffe zu verbrennen.

* Die Emissionen aus dem See- und Lufttransport werden nicht berücksichtigt.



POSITIVE ASPEKTE

Dennoch dürfen auch einige positive Aspekte des Protokolls nicht übersehen
werden:

* Das Protokoll stützt sich auf den Begriff der "gemeinsamen, aber
differenzierten Verantwortung". Alle Nationen sind betroffen, doch die
Industriestaaten, die ja zu 75 Prozent für das Problem verantwortlich sind,
müssen die Hauptanstrengungen tragen und den Entwicklungsländern ihre
Technologien übertragen.

* Die Reduktion des Ausstoßes wird beziffert und an Fristen gebunden;jedem
Land wird ein Ziel gesetzt, das innerhalb eines gewissen Zeitraums zu
erfüllen ist.

* Die Flexiblen Mechanismen können nur in "Ergänzung" zu im eigenen Land
ergriffenen Maßnahmen erfolgen. [6] Investitionen in Atomkraft sind zudem im
Rahmen des Sauberen Entwicklungsmechanismus nicht anerkannt, und
waldwirtschaftliche CDM dürfen von den Industriestaaten nur begrenzt
eingesetzt werden.

* Das Protokoll sieht Sanktionen vor. Erfüllt ein Land seine Reduktionsziele
nicht, werden diese mit einem Strafaufschlag von 30 Prozent in die folgende
Periode übernommen. Die betreffenden Länder dürfen zudem keine
Emissionsrechte kaufen.



EIN ABGESCHWÄCHTES ABKOMMEN BAHNT SICH AN

Die Verfechter des Protokolls hoffen, dass mit diesem nur eine Bewegung
eingeleitet ist, die es auszuweiten gilt. Tatsächlich ist einiges in
Bewegung. Mehrere europäische Länder haben angekündigt, ihre Emissionen auf
Dauer drastisch reduzieren zu wollen. Dennoch muss zwischen feierlichen
Erklärungen und tatsächlich umgesetzter Politik unterschieden werden. Die EU
hat beispielsweise verkündet, die Erwärmung auf unter 2° C halten zu wollen.
Doch an der Ratssitzung der 25 Staats- und Regierungschefs im März 2005
wurde die entsprechende Zielvorgabe, die eine Emissionsreduktion von 60 bis
80 Prozent bis 2050 bedeutet hätte (wie dies von den UmweltministerInnen
vorgeschlagen wurde), nicht angenommen. In der Presseerklärung wurde jede
bindende Verpflichtung ausgeschlossen. Statt dessen hieß es, es sei eine
Reduktion von 15 bis 30 Prozent bis 2020 anzustreben. Selbst für diese
Spannweite müsse noch geprüft werden, "unter welchen Bedingungen
einschließlich der Kosten-Nutzen-Frage das Ziel erreichbar ist".

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WEITERE ARTIKEL ZUM KLIMASCHUTZ

Klimaschutz und Antikapitalismus[http://inprekorr.de/428-klima-antikap.htm]

Nach Kyoto: Droht die neoliberale
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Warum man aufhören muss, fossilen Kohlenstoff zu
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Wasserstoff ist kein
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Wertloses Wertgesetz[http://inprekorr.de/428-klima-wertgesetz.htm]

Kapitalistische Dummheit[http://inprekorr.de/428-klima-dummheit.htm]

"Eine unbequeme Wahrheit" ... der
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Schwarzenegger bereitet sich auf die Zeit nach Kyoto
vor[http://inprekorr.de/428-klima-arnie.htm]

Kyoto-Protokoll: Kleiner Kompromiss mit perversen
Auswirkungen[http://inprekorr.de/394-kyoto.htm], 
/Inprekorr/ Nr. 394/395 (September/Oktober
2004)-------------------------------------------------------------------

Tatsächlich gelingt es den Industriestaaten nicht, Kyoto einzuhalten: Kanada
liegt 30 Prozent unter den Vorgaben, Italien steht ein wenig besser da, in
Spanien schnellen die Emissionen in die Höhe. [7] Großbritannien könnte den
vorgegebenen Wert erfüllen, aber nur dank des Ersatzes von Kohle durch Gas.
Ein seriöser Abbau würde dort erst beginnen. Für Deutschland sieht die
Prognose ähnlich aus: Die Tatsache, dass das Land drauf und dran ist, die
Vorgaben zu erfüllen (dank des Abbaus der Industrie im Osten!), hinderte den
Arbeitgeberverband nicht daran, die nationalen Verhandlungen über die
Zuteilung von Emissionen aufzukündigen. Dänemark wird trotz des Booms bei
Windkraftwerken 21 Prozent über dem vorgeschriebenen Wert liegen. [8]
Ähnlich andere Länder.

Eine schlichte Verlängerung des Kyoto-Protokolls mit strengeren Quoten
scheint also unwahrscheinlich. Deshalb unterstrich die EU 2005 ihre "feste
Entschlossenheit, den internationalen Verhandlungen neuen Elan zu verleihen"
und "eine möglichst umfassende Zusammenarbeit zwischen allen Ländern" zu
erreichen. Dies insbesondere zwischen den "Ländern mit hohem
Energieverbrauch, einschließlich der Schwellen- und Entwicklungsländer". Wir
steuern offenkundig auf ein neues Abkommen zu, das sich einiger strenger
Kyoto-Regeln entledigt. Ein Abkommen, das -- um den Rat zu zitieren -- "die
Bedingungen im Hinblick auf Kosten und Nutzen" durch Einbezug der großen
Entwicklungsländer verändern wird. Der "Gleneagles-Dialog zu Klimaschutz,
sauberen Energien und nachhaltiger Entwicklung" muss in diesem Kontext
gesehen werden. Es ist natürlich kein Zufall, dass dieser am G8-Treffen in
Schottland beschlossene Dialog, an dem sich die 20 Länder mit dem höchsten
Energiekonsum beteiligen, darauf zielt, außerhalb des offiziellen Rahmens
der UN-Klimarahmenkonvention "informell innovative Ideen zu diskutieren".


STERN-REVIEW, EIN MEILENSTEIN

Wie weiter oben erwähnt (vgl. "Klimaschutz und Antikapitalismus", S. 4),
scheint der Stern-Bericht über die ökonomischen Folgen des Klimawandels ein
bedeutender Meilenstein auf dem Weg zu einem neuen globalen Abkommen zu
sein. Daher soll näher auf diesen Bericht eingegangen werden. Folgendes ist
festzuhalten:

1) Entgegen anderen Ökonomen nörgelt Sir Nicholas Stern nicht an den
Analysen der KlimaexpertInnen herum: "Der Klimawandel ist eine ernste,
dringende Angelegenheit. (...) Die Schwelle von 550 ppmv CO2eq [9] könnte im
Jahr 2035 erreicht sein. Auf diesem Niveau wird die durchschnittliche
globale Temperaturerhöhung mit 77-prozentiger, anderen Berechnungen zufolge
vielleicht sogar mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit bei über 2 °C liegen.
Wird nichts unternommen, könnte sich der Gehalt an Treibhausgasen bis zum
Ende des Jahrhunderts verdreifachen, wodurch in den folgenden Jahrhunderten
die Temperaturerhöhung mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit über 5 °C
betragen wird." Etc. Der Bericht geht im Detail auf die sozialen und
ökologischen Folgen ein.

2) Die Kosten der Erwärmung werden deutlich höher geschätzt als in anderen
Publikationen. Für Stern könnte der durchschnittliche Prokopfkonsum im
Szenario "business as usual" bis Ende des 22. Jahrhunderts um bis zu 20
Prozent sinken. Diese aufrüttelnde Zahl ergibt sich aus folgenden Faktoren:

* Der Bericht erfasst nicht nur die direkten wirtschaftlichen Kosten (5
Prozent Rückgang des BIP/ Kopf), sondern auch die daraus abgeleiteten
geschätzten Kosten für Gesundheit (Anzahl Opfer ...) und Umwelt.

* Er berücksichtigt, dass sich der Prozess der Erwärmung durch die Erwärmung
selbst beschleunigen könnte (z.B. wenn durch das Auftauen des Permafrostes
plötzlich große Mengen an Methan, einem wirksamen Treibhausgas, freigesetzt
würden).

* Für die Schadensbemessung wird eine rund zwei Mal niedrigere
Anpassungsrate angenommen als sonst üblich (um die Solidarität zwischen den
Generationen zu veranschaulichen, werden für zukünftige Schäden höhere
Kosten veranschlagt als in anderen vergleichbaren Studien);

* Und schließlich behelfen sich Stern und seine MitarbeiterInnen mit der
Ethik, um die Aussage zu berichtigen, aus strikt rechnerischer Sicht kämen
die Länder des Südens die Schäden nicht teuer zu stehen (sie werden auf der
Grundlage der "Zahlungsbereitschaft der Opfer" geschätzt, die natürlich je
nach Einkommen schwankt) ...


3) Stern vergleicht die Kosten der Erwärmung mit den Kosten der Eingrenzung
und Anpassung. Diese Kosten hängen natürlich vom gewählten Niveau der
Stabilisierung der Konzentration an Treibhausgasen ab. Anstelle einer
Stabilisierung bei 450 ppmv   wird im Bericht der Wert von 550 ppmv
eingesetzt. Damit wird die Gefahr deutlich höher veranschlagt. [10] Die
AutorInnen wechseln jedoch plötzlich den Ton: "Die Lehre daraus ist, zu
verhindern, dass zu viel zu schnell gemacht wird. ... Große Unsicherheiten
bestehen beispielsweise weiter hinsichtlich der erheblichen Kosten der
Reduktion. Soll der Ausstoß um 60 bis 80 Prozent oder noch mehr reduziert
werden, sind Fortschritte in der Reduktion des Ausstoßes in
Industrieprozessen, Luftfahrt und einigen Bereichen, in denen zur Zeit
kosteneffiziente Ansätze schwer vorstellbar sind, nötig." [11] Eine
Stabilisierung auf 550 ppmv   würde ein Prozent des weltweiten BIP kosten,
eine Stabilisierung auf 450 ppmv   drei Mal mehr. Angesichts des erwarteten
Schadens von 20 Prozent des BIP wäre die Stabilisierung auf diesem Wert
(gemäß der Kosten-Nutzen-Logik des Berichts) noch immer "rentabel". Warum
wird sie aber ausgeschlossen? Weil eine höhere Vorgabe durch
"Industrieprozesse, die Luftfahrt und einige Bereiche" getragen würde, die
vor allem Industriestaaten betreffen. Es ist kaum von der Hand zu weisen,
dass diese Überlegung mit der Einschätzung anderer ExpertInnen
zusammenhängt, wonach eine Temperaturerhöhung von bis zu 3 °C für diese
Länder eher vorteilhaft wäre. Die negativen Folgen werden sich vor allem auf
die tropischen und subtropischen Länder konzentrieren, die durch ihre
"Geographie" laut Bericht bereits heute "zu warm sind". [12] Die Ethik von
Sir Nicholas Stern kennt offensichtlich Grenzen.

4) Ein Prozent des globalen BIP entspricht 350 bis 400 Milliarden Dollar.
Stützt man sich auf die Schätzungen Sterns, würde eine Stabilisierung auf
450 ppmv   zwischen 1050 und 1200 Milliarden Dollar jährlich kosten. Dieser
Betrag ließe sich durch eine Kombination aus drastischen Kürzungen der
Rüstungsetats (1037 Milliarden Dollar im Jahr 2004, davon 47 % in den
USA) [13] und der Werbung leicht decken, von den Erdöleinnahmen ganz zu
schweigen. Doch im Arsenal des ehemaligen Chefökonomen der Weltbank haben
solche Mittel keinen Platz. Neben der Entwicklung der Atomenergie, die als
saubere Energie verkauft wird, finden sich nur neoliberale Instrumente: ein
global festgesetzter Erdölpreis (der über die Preise an die KonsumentInnen
weitergegeben würde, während Unternehmen die Kosten durch Gebührensenkungen
kompensieren könnten); eine völlig flexible Wahl von Ort, Zeitpunkt und
Mittel der Reduktion der Emissionen weltweit zu den geringsten Kosten; der
Ausbau des Emissionshandels; die Durchsetzung der völligen Bewegungsfreiheit
für Erzeugnisse und Dienstleistungen auf Kohlenstoffbasis etc.


Die für die Industriestaaten und die multinationalen Konzerne wohl
überzeugenden Folgen wären:

1) Bis zum Jahr 2050 würden über 50 Prozent der Emissionsreduktion vom
Norden in den Süden verlagert, entweder in Form eines Stopps der Abholzung
von Wäldern (was an sich natürlich wünschenswert wäre) oder durch saubere
Investitionen, die auf 40 Milliarden Dollar jährlich geschätzt werden (das
Vierzigfache heutiger CDM); [14]

2) Die großen Energie-, Automobil- und anderen Konzerne könnten nicht nur
von diesem Geldsegen profitieren, sondern hätten auch 20 bis 30 Jahre Zeit,
ihre Installationen zu amortisieren und auf neue Technologien umzustellen
(die Dank einer Aufstockung der Forschungsgelder durch die öffentlichen
Haushalte auf den neuesten Stand gebracht würden), ohne einen Cent für die
Katastrophe zu bezahlen, die sie verursacht haben; [15]

3) Die Kosten würden weltweit über CO2-Abgaben, öffentliche Subventionen für
die Privatwirtschaft und die Einbindung des Kohlenstoffpreises in den Preis
für Konsumgüter auf die Lohnabhängigen, die Bauern/Bäuerinnen und die Armen
abgewälzt.



EIN POLITISCHER GESAMTPLAN

Über die wirtschaftlichen Aspekte hinaus ist der Stern-Bericht ausgesprochen
politisch und entpuppt sich beim Lesen als ehrgeiziger strategischer Plan:
Die Angst vor der Erwärmung soll ausgenutzt werden, um die öffentliche
Meinung für Ziele zu gewinnen, die weit über die Klimaproblematik
hinausreichen.

"Eine Schlüsselfrage für die Glaubwürdigkeit der Politik ist, ob sie sich
auf eine breite Palette an Interessengruppen stützen kann. Die öffentliche
Meinung ist dabei ausgesprochen wichtig. Fordert die Öffentlichkeit mit
Nachdruck, dass im Bezug auf den Klimawandel gehandelt wird, wagen die
Politiker, Maßnahmen zu ergreifen, die sie anderenfalls als zu riskant oder
unpopulär beurteilt hätten." [16] Beispielsweise die Einführung einer
CO2-Abgabe, die für die Unternehmen durch Gebührensenkungen kompensiert
werden kann ...

An einer anderen Stelle heißt es bezeichnenderweise: "Ein guter Teil der
staatlichen Politik setzt auf Verhaltensänderungen. Es gibt zwei breite
Felder, auf die sich politische Entscheidungsträger im Zusammenhang mit dem
Klimawandel speziell konzentrieren können: der Versuch, das Konzept von
gesellschaftlicher Verantwortung zu ändern, und die Förderung der
Kooperationsbereitschaft. Als Beispiel für das erste werden die
Rentenpolitik, der Tabakkonsum oder Recycling genannt, für das zweite Formen
von privat organisierten Wachen gegen Verbrechen in einzelnen Stadtteilen
oder allgemeiner Gemeindedienste." [17] Das Beispiel der Rentenpolitik (eine
Offensive zur Einführung von Renten im Kapitaldeckungsverfahren gegen die
Rente im Umlagerungsverfahren im Namen individueller statt kollektiver
"Verantwortung" für die Altersversorgung) ist besonders bezeichnend.

Die enthusiastischen Reaktionen vieler Umweltverbände auf diesen Bericht --
der WWF fordert beispielsweise einen "Ausbau des Kohlenstoffmarkts" [18] --
und mancher Linksparteien [19] geben zu denken. Gewiss, dieZeit drängt. Doch
wie Stern selbst festhält, bedeutet der Klimawandel "das größte,
umfassendste Scheitern des Marktes". Entweder man bittet den Markt für
dieses Scheitern zur Kasse, oder "der Markt" wird die Rechnung den
Ausgebeuteten und Unterdrückten dieser Erde servieren. Der Stern-Bericht
setzt, wen wundert?s, auf die zweite Option. Er gibt einen Vorgeschmack auf
die zukünftige kapitalistische Politik im Bereich des Klimawandels.


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Aus dem Französischen: Tigrib



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Aus:   Inprekorr Nr. 428/429   (Internationale Pressekorrespondenz)
Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht
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[1] /EEA Report/ Nr. 8/2005, S. 9. 
[2] Die drei Mechanismen sind "Sauberer Entwicklungsmechanismus (Clean
development mechanism, CDM)", "Gemeinsame Umsetzung (Joint Implementation,
JI)" und "Emissionshandel (Emision trading)". 
[3] Der Begriff "heiße russische Luft" spielt auf die Höhe der Russland und
der Ukraine zugestandenen Emissionswerte an, da als Bezugsjahr für Kyoto
1990 festgelegt wurde, also genau ein Jahr vor Zusammenbruch der Wirtschaft
der ehemaligen UdSSR. Siehe dazu Daniel Tanuro, "Kyoto-Protokoll: Kleiner
Kompromiss mit perversen Auswirkungen", /Inprekorr/ Nr. 394/395
(September/Oktober 2004).
[4] Europäische Kommission und /The Economist/ vom 9. September 2006.
[5] Schätzungen über die Dauer der geologischen CO2-Speicherung variieren
stark. Eine Speicherung über mehrere Jahrhunderte scheint möglich, wenn die
Standorte bezüglich Undurchlässigkeit gut gewählt sind. Die Speicherung
unterhalb des Meeresbodens sollte aus ökologischen Gründen ausgeschlossen
werden (Acidifizierung). 
[6] Dieser Begriff "Ergänzung" wird unterschiedlich ausgelegt: die
amerikanischen Unterhändler gehen davon aus, dass 90 Prozent als "Ergänzung"
zu 10 Prozent betrachtet werden können.
[7]  Spanien bildet das Schlusslicht innerhalb der EU. Zwischen 2009 und
2012 könnten die Emissionen statt den von der EU vorgesehenen 15 Prozent
33,7 Prozent über dem Ausstoß von 1990 liegen, die Rechnung könnte 5
Prozentpunkte vom BIP betragen. Der Unternehmerverband CEOE fordert eine
Neuverhandlung der Quoten. 
[8]  http://www.eceee.org.
[9] Zur Erklärung der Maßeinheiten siehe S. 9, Anm. 3. [Anm. d. Red.] 
[10] Je nach Modell läge die Temperaturerhöhung bei 450 ppmv   zwischen
+1 °C und +3,8 °C und für 550 ppmv   zwischen +1,4 °C und +4,6 °C. 
[11] /Stern Review/, S. 247.
[12] /Stern Review/, S. 94f
[13]  Zahlen vom SIPRI, Stockholm.
[14] Diese 50 Prozent vom Norden in den Süden "verlagerten" Reduktionen
entsprechen einer Schätzung der Europäischen Umweltbehörde, wonach die EU
ihre Emissionen bis 2030 nur dann um 40 Prozent reduzieren könnte, wenn sie
die Hälfte in Form von Rechten kaufen würde (EEA Report Nr. 7/2006).
[15] Der Abschnitt über die Emissionen im Energiesektor im Bericht wurde von
Prof. Dennis Anderson, dem ehemaligen Chefökonomen von Shell, verfasst. Wie
es der Zufall so will, sieht er vor, die Emissionen in diesem Sektor bis
2050 nur von 24 auf 18 Gt zu reduzieren.
[16] /Stern Review/, S. 325
[17] /Stern Review/, S. 395.
[18]  Presseerklärung des WWF vom 9.11.2006.
[19]  Die französische SP glaubte, "mit Interesse feststellen zu können,
dass sich die von Nicholas Stern vorgeschlagenen Maßnahmen im Bereich der
politischen Ökonomie nicht auf Instrumente beschränken, die mit den
Marktgesetzen vereinbar sind, sondern dass er auch klar verpflichtende
Regelungen wie Steuern ins Auge fasst" (Presseerklärung der nationalen
Geschäftsleitung, 31.10.2006).